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Kettly Mars

Kettly Mars, geboren am 3. September 1958 in Port-au-Prince, Haiti erhielt eine klassische Bildung und arbeitete als Verwaltungsangestellte. Ab den 90er Jahren wurde sie in Haiti als Lyrikerin bekannt. Als Prosaautorin machte sie sich durch die Romane Kasalé (2003) und L’heure hybride (2005) einen Namen. Das Zweideutig-Unbestimmte, das in diesem Titel zum Ausdruck kommt, kennzeichnet auch ihren 2008 erschienenen Roman Fado.
In Deutschland wurde sie durch ihren Artikel über das Erdbeben in Haiti bekannt (»Ich habe überlebt«, DIE ZEIT vom 21.1.2010).

Autorenportrait Kettly Mars von Andrea Pollmeier

Aufmerksamkeit erregte die zur Bourgeoisie von Port-au-Prince zählende Autorin durch ihre überraschend direkte Beschreibung gesellschaftlicher Tabuzonen. Zwar sucht sie im Schreiben nicht gezielt Skandalwelten auf, meidet sie jedoch auch nicht. Wer Kettly Mars begegnet, begreift: Hier hat sich eine selbstbewusste, kraftvolle Frau entschieden, ohne Scheu das Wort zu ergreifen und ihrer Umgebung einen Spiegel entgegenzuhalten. 2006 erhielt sie für diesen Mut erstmals international Anerkennung. Ihr Roman L’heure hybride (dt. Zwielicht, Vents d’Ailleurs, 2005) wurde mit dem Prix Senghor de la Création littéraire ausgezeichnet. Darin beschreibt Kettly Mars vier Stunden im Leben des Gigolos Rico, der sich nach einer exzessiven Nacht am Wendepunkt seines Lebens befindet. […]


»Ich möchte den gesellschaftlichen Druck, der Rico umgibt, spürbar machen«, erklärt Kettly Mars in einem 2006 am Rande des Salon du Livre dem Magazin Evene gegebenen Interview. Immer noch ziehe Haiti das koloniale Erbe als Last hinter sich her. Dieses Erbe habe zu einer starken gesellschaftlichen Spaltung geführt, die das Leben eines jeden Haitianers bestimmt. Das zeige sich schon an der Art, wie Französisch als Sprache genutzt werde. »Französisch sprechen ist ein Zeichen des sozialen Aufstiegs. Man lebt ein doppeltes Leben. Viele Menschen leben von ›bluff‹ und Äußerlichkeiten, weil das Elend so überwältigend groß und abschreckend ist.« Kettly Mars hat es sich zur Aufgabe gemacht, an diese Lügen zu erinnern. Sie ist überzeugt, dass die bestehenden Widersprüche in der haitianischen Kultur ein wesentlicher Grund dafür sind, dass Haiti heute unterentwickelt ist. Noch immer gebe es gesellschaftliches Kastendenken und spirituelle Ambivalenzen. »Ich habe mich sehr spät entschieden, Bücher zu schreiben«, erzählt die 1958 in Port-au-Prince geborene Autorin. Erst im Alter von 30 Jahren habe sie versucht, schreibend zunächst sich selbst zu verstehen. „Mit 30 ist eine Frau schon reif, man beginnt, über sich nachzudenken.“ […]


Kettly Mars gehört heute fest zur literarischen Szene Haitis. Schreiben ist für sie Lebenselixier. Dennoch arbeitet sie weiterhin in ihrem ursprünglichen Beruf als Verwaltungsangestellte der japanischen Botschaft in Port-au-Prince. […] Bewusst bekennt sich Kettly Mars dazu, an Haiti als ihrem Lebensmittelpunkt festzuhalten. Je schwieriger die Lebensumstände dort werden, umso eindeutiger scheint diese Haltung zu sein. […] Die Orientierung an den eigenen Wurzeln zeigt sich immer wieder in ihrem literarischen Werk. Von sich selbst, ihren eigenen Gefühlen und Erfahrungen ausgehend, beschreibt sie das Leben der Frau in Haiti. Sie macht die Fesseln fühlbar, die eine verkrustete, kolonial geprägte Gesellschaft weiblichen Bedürfnissen und Hoffnungen überstülpt. Mit kompromisslos analytischem Blick streift Kettly Mars durch diese Welt, öffnet unbefangen alle Türen und leuchtet die intimsten Winkel der Wohnung und der eigenen Seele aus. »Ich bin eine poète intimiste, eine Dichterin der intimen Details«, sagt sie über sich selbst. »Das ist ein ganz natürlicher Prozess, ich habe gar keine andere Wahl.« Zugleich falle es ihr schwer, sich in intimen, poetischen Bildern zu offenbaren. Von Natur aus sei sie eine scheue, ängstliche Person, doch habe sie im Verlauf des Älterwerdens gelernt, diese Scheu zu überwinden. »Meine Texte waren zu jener Zeit für eine Frau sehr mutig, vor allem für eine verheiratete Frau.« Aber die reservierten Reaktionen und ersten Schocks, die sie mit ihren zuerst veröffentlichten Gedichten auslöste, endeten damit, dass man, so Kettly Mars, schließlich Schönes in ihren Beschreibungen entdecken konnte und sie der haitianischen Poesie etwas Neues hinzugefügt hatte. »Was mich wirklich interessiert ist das Innere des Menschen. Ich erzähle von Haiti, ich spreche vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen, die ich in der haitianischen Gesellschaft gemacht habe. Gleichzeitig spreche ich jedoch vom Menschen an sich. Ganz gleich, wie warm oder kalt es draußen ist, welche Hautfarbe jemand hat, im Innern sind die Menschen alle gleich.«


Auszug aus: Literaturnachrichten Nr. 104, Frühjahr 2010