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Louis-Philippe Dalembert

Louis-Philippe Dalembert, Lyriker, Romanautor, Literaturwissenschaftler und Journalist, wurde 1962 in Port-au-Prince geboren, hat die ersten 25 Jahre seines Lebens in Haiti verbracht, und durchstreift seither nach eigener Aussage als Vagabund die Welt. (Nord- und Südamerika, Karibik, Afrika, Europa, den Nahen und Mittleren Osten). Er lebt heute zwischen Paris, Rom und Port-au-Prince. Seine Bücher, die bereits in mehrere Sprachen übersetzt wurden, liegen nun endlich auch auf Deutsch vor.

Autoreninterview mit Louis-Philippe Dalembert von Willi Herzig

Haiti sei ein Beispiel für missglückte Hilfe, sagt Autor Louis-Philippe Dalembert. Louis-Philippe Dalembert hat das Erdbeben am 12. Januar 2010 in Port-au-Prince überlebt. […]


»Haiti kommt mir vor wie ein Labor, in dem all das versucht wird, was man auf humanitärer Ebene in einem Drittweltland nicht machen soll«, bringt Dalembert seine Kritik auf den Punkt. Die UNO sei mit einem riesigen Apparat vor Ort, doch ihre Blauhelm-Mission habe bei der Sofort-Nothilfe nach dem Erdbeben versagt: »Sie ist, wie die staatlichen Behörden, die ersten 24 Stunden auf Tauchstation gegangen.« […] »Überhaupt: Warum beglückt uns die UNO mit einer Militärmission, einer aus 40 Ländern zusammengewürfelten Besatzungsarmee?«, fragt ironisch der Autor, »Haiti ist nicht Afghanistan, es gibt keinen Bürgerkrieg.« Eine Plage sei hingegen die kriminelle Gewalt in Port-au-Prince, die in der 75-prozentigen Arbeitslosigkeit wurzle und von den UNO-Truppen nicht wirklich bekämpft werde.


Dalembert bezweifelt auch den Nutzen der »bis zu 20 000« nichtstaatlichen Organisationen aus aller Welt, »die alle ihre eigene Agenda haben«. Die massive internationale Präsenz schwäche den »traditionell schwachen Staat« noch mehr und bringe Haiti »in totale Abhängigkeit«. Die Fülle an Organisationen und Strukturen habe »einzig bewirkt, dass über die Nothilfe hinaus nichts bewirkt worden ist«. […]


Was tun? Der Schriftsteller Dalembert nimmt sich die Freiheit, dem Übel radikal zu Leibe zu rücken: »Mettre tout le monde dehors, en disant merci pour le coup de main« – alle vor die Tür setzen, mit einem Dankeschön fürs Handanlegen. Dann solle der Staat »in Zusammenarbeit mit zwei, drei grossen Institutionen« den Wiederaufbau neu an die Hand nehmen. Dabei solle man nicht mehr etwas für das Volk machen, sondern endlich mit ihm. Die Haitianer seien äusserst arbeitsam, ob in der Heimat oder in der Emigration, von wo viel Erspartes nach Hause fliesst.

Dabei verschweigt Dalembert die »hausgemachten« Defizite keineswegs. Besonders der wirtschaftlich-politischen Elite in Haiti gibt er schlechte Noten: Sie sei zutiefst korrupt, nur am schnellen Gewinn interessiert und habe ein Verantwortungsbewusstsein »höchstens für die eigene Tasche«.


Die Ursachen für manche Fehlentwicklung sieht Dalembert in Haitis wechselvoller Geschichte. In seinem temporeichen Roman Jenseits der See lässt der begnadete Erzähler eine Grossmutter und ihren Enkel das 20. Jahrhundert Revue passieren, 20 Jahre Fremdherrschaft durch US-Truppen, 30 Jahre Diktatur durch Vater und Sohn Duvalier. […]


Auszug aus: Basler Zeitung, 25. Spetember 2010