Das Lachen Haitis
Grabinschrift für eine alte Jungfer

(312 S, 24,80 €)
Als ich sie kennenlernte, kam sie mir, dem fünfjährigen Erstklässler, bereits alt vor, und ich hatte zu Hause mitbekommen, wie die Erwachsenen über ihre bevorstehende Pensionierung sprachen. Dies bedeutete, so hatte man mir erklärt, dass Mademoiselle nächstes Jahr nicht mehr unterrichten und dass ein neues und ganz junges Fräulein sie ersetzen würde.
Früher hatte sie einen Vornamen, damals im Oktober 1900, als sie zusammen mit dem neuen Jahrhundert als zwanzigjähriges Mädchen nach Quina kam, um Lehrerin an der Gemeindeschule zu werden. Aber mit der Zeit war der Vorname verloren gegangen, und es war nur das Mademoiselle übrig geblieben. Jeder nannte sie so. Meine Großmutter erzählte mir eines Tages, während sie mich zur Schule brachte, dass sie vor langer Zeit in dieselbe Klasse gegangen waren, dass man bis zur Heirat eine Mademoiselle blieb, dass sie einen sehr schönen Vornamen habe, nämlich Vélianne, zusammengesetzt aus den Namen ihres Vaters Véli und ihrer Mutter Anne, und dass sie aus dem Landbezirk Brodequin stammte.
Ich erinnere mich noch deutlich an Mademoiselles zigste und letzte Klasse, eine gemischte Klasse, in der die Mädchen Haarschleifen in allen Farben trugen, so wie das stets lachende Mädchen mit den großen, hellen Augen, dem ich so gern die Hand gab, wenn wir uns am Freitagnachmittag in Zweierreihen aufstellten, um zur Kirche zu gehen. Ihr Großvater, der Apotheker der Stadt, war seit seiner Studienzeit in der Provence ein glühender Verehrer Mistrals und nannte sie „Merveille“, Wunder, anstatt Mireille.
Die Erwachsenen sprachen nur mit gedämpfter Stimme von Mademoiselle, vor allem wenn meine Tante Thiotte, welche immer an meiner Nase knabberte, zu Besuch kam. Mein älterer Cousin, der älteste Sohn meiner Tante, der schon die Elementarschule abgeschlossen hatte, kannte alle Geheimnisse der Erwachsenen. Er kränkte mich mit der Bemerkung, meine guten Noten kämen daher, dass Mademoiselle in ihrer Jugend in unseren Großonkel, Großvaters Bruder, verliebt gewesen sei, dessen Vornamen ich trug. Er war eines Tages auf einem Schiff, das in Quina eine Ladung Blauholz an Bord nahm, nach Europa aufgebrochen, um die Rechte zu studieren. Mein Cousin wusste alles.
Sie hatte lange auf ihn gewartet und dabei Jahr für Jahr unermüdlich unterrichtet, bis er eines schönen Tages mit einer Französin als Ehefrau zurückkehrte. Sie hatten drei Töchter, die älteste hieß Vélianne. Das Gerücht verbreitete sich aus hundert Mündern. Ganz Quina tuschelte. Von diesem Tag an verließ sie ihr Haus nur noch, um in die Kirche zu gehen und Schule zu halten, weigerte sich rundheraus, irgendwen zu empfangen, und grüßte Großonkel Georges bis zu seinem Tod nicht mehr. Sie blieb der Trauerfeier fern und sprach nicht einmal ihr Beileid aus. Mademoiselle besaß Charakter und hatte den treulosen Großonkel schon längst von der Liste der menschlichen Wesen gestrichen.
Die Familie hatte sich in dieser Angelegenheit immer schuldig gefühlt, denn Onkel Georges hatte sie durchaus kompromittiert – „aber wie weit soll das noch gehen?“, sagte Tante Thiotte pikiert – , sie sorgte dafür, dass ein extravagantes Abschiedsfest für Mademoiselle veranstaltet wurde, ähnlich den drei oder vier rauschenden Nächten auf dem Hauptplatz, die Quina sich pro Jahr gönnte. Als sie erfuhr, wem sie diese Aufmerksamkeit verdankte, schützte sie eine furchtbare Migräne vor und ließ sich auf dem Fest nicht einmal kurz sehen. Dennoch feierte die ganze Stadt ohne sie bis spät in die Nacht auf dem für den Anlass hell erleuchteten Platz. Es gab ein Feuerwerk aus der Hauptstadt, und der Gendarmerieleutnant gestattete den Gebrauch der Karnevalsböller, die der Apotheker verkaufte. „Man sollte meinen, man ist auf dem Marsfeld“ (dem Marsfeld von Port-au-Prince natürlich), wiederholte das Organisationskomitee die ganze Nacht hindurch immer wieder. Mein Vater, der immer gegen das Projekt gewesen war, machte sich noch lange über die Enttäuschung bei den Damen der Familie lustig.
Es sprach sich indessen schnell herum, dass die Migräne nicht nur vorgetäuscht war und dass Mademoiselle schwer erkrankt war. So krank, dass Pater Laznec, ein dicker, rotgesichtiger Bretone, ihr nach der Messe die Kommunion nach Hause bringen musste. Sie hatte unter strengster Geheimhaltung eine einzige Vorkehrung für ihren Tod getroffen, nämlich die Vorbereitung ihres Grabsteins, den sie aus Furcht vor Indiskretionen des örtlichen Steinmetzen in Les Cayes gravieren ließ. Später erfuhr man, dass der des Lesens unkundige Maurer, der den Stein im letzten Moment aufstellte, eine erkleckliche Geldsumme erhalten hatte, damit er das Grab bewachte und niemand die mit einem violetten Musselintuch verhüllte Inschrift sehen ließ. Die Damen der Familie zügelten ihre Rachegelüste. Gegen die Meinung meines Vaters, der fand, dass man sich vor der Hartnäckigkeit von Mademoiselles enttäuschter Liebe in Acht nehmen müsse, trafen sie kostspielige Absprachen mit dem Pfarrer, dem dies angesichts des Tarifs für feierliche Messen und Beerdigungen erster Klasse nur zu recht war! Endlich schien Mademoiselle den anderen zu gestatten, sie zu ehren und ihr schlechtes Gewissen zu besänftigen. Im Moment kam das niemand seltsam vor.
Ich trug wie alle anderen Jungen von Quina für den Anlass ein weißes Hemd und eine schwarze Hose. Meine Mutter, eine gute Schneiderin, hatte die Sachen auf der großen Singer mit Pedal genäht, die ihr meine Großmutter zur Hochzeit geschenkt hatte. Aber die von zwei Metallspangen gehaltene schwarze Fliege, die ich am Kragen trug, kam aus dem Ausland. Es war meine erste„rosette“, ich stand dafür bei Mademoiselle in fröhlicher Schuld. Das kleine Mädchen, das von ihrem Großvater, dem Apotheker der Stadt, Merveille anstatt Mireille genannt wurde, war ganz in Weiß mit einer weißen Mantille auf dem Kopf. Ich hatte nur Augen für sie zwei Reihen vor mir, denn an diesem Tag stand sie nicht neben mir, um meine Hand zu halten. Aber sie hat sich während der Zeremonie dreimal umgedreht, das schwöre ich. Zumindest habe ich es so in Erinnerung.
Es gab viele Reden, darunter die meines Vaters, der zu Hause lange im Wohnzimmer vor dem Spiegel mit Adlerfüßen geprobt hatte. Dort feilte er immer an der Gestik seiner Reden. Tèdè, Alterspräsident des Zivilgerichts, dessen Haar einer weißen Pferdemähne ähnelte, kam es zu, den Grabstein zu enthüllen. Gemurmel und Gedränge folgten. Damen gaben Ohnmachtsanfälle vor und glucksten unter heftigem Fächerwedeln. Männer unternahmen lobenswerte Anstrengungen, nicht zu lachen. Mein Vater in seinem schwarzen Gehrock und seinem ebenfalls schwarzen Zylinder lachte ganz und gar nicht über Mademoiselles letzten Akt. Die Mütter schleiften ihre Sprösslinge an der Hand vom Friedhof, bevor die des Lesens Mächtigen die Inschrift entziffern konnten. Mein Cousin erklärte mir alles. Die alte Jungfer mit ihren leichten Küssen und den fest zusammengepressten Knien, die niemals ihre Galerie in Quina verlassen hatte, trotz des Windes, der jeden Tag spitzbübisch vom Berg Maracoif herunterwehte, und seiner Komplizin, der Dunkelheit unter dem gastlichen Laubwerk der Lorbeersträucher am Hauptplatz und auf dem einladend heißen Sand der Strände, hatte neun Worte eingravieren lassen:
Mademoiselle Vélianne Brunet
Aus Quina, dennoch als Jungfrau gestorben
Ein letzter Linealhieb auf die Finger der ganzen Stadt, der Stadt, die durch ihre Hände gegangen war und die wusste, wozu sie im Zorn fähig war.
Das Liebesgericht
Die Sitzungen des Schwurgerichts begannen jedes Jahr in der ersten Ferienwoche, und der Gerichtssaal von Quina füllte sich mit Neugierigen, die gekommen waren, um die wehenden Robenärmel und sonstigen kühnen Schwünge der Anwälte von Anklage und Verteidigung zu bewundern. Sofern sie ein Jackett trugen, konnten fast vierzehnjährige Jugendliche wie ich sich hinten in den Saal schleichen oder sich an einem Fensterbrett aufstützen, um diese Liturgie von Männern in schwarzen Togen und weißen Jabots mit gewichtiger Miene und dicken Schweißperlen auf der Stirn zu verfolgen. (Es gab damals im Gerichtssaal von Quina noch keine Ventilatoren.) (Gibt es heutzutage Ventilatoren im Gerichtssaal von Quina?) Man erfuhr dort unglaubliche Dinge, von denen weder in der Schule noch zu Hause die Rede war. Noch nicht einmal unter Klassenkameraden. Und außerdem musste man langsam ernsthaft an die Berufswahl denken.
Die Angeklagten waren oftmals Unbekannte aus den Bergen, abgerissen, zerlumpt, nur des Kreolischen mächtig, Bauern, verirrt … Sie dienten sichtlich nur als Vorwand für das Ritual der rhetorischen Gefechte. Außer dem auf Kreolisch verkündeten Urteilsspruch war alles für sie fremd und auf Französisch. Die Sitzungen des Schwurgerichts dauerten in Quina nur eine Woche, denn schließlich erforderten nie mehr als fünf Fälle pro Jahr diese Inszenierung, und es war örtliche Praxis, jeden Fall komplett an einem Tag zu erledigen. Der Erfolg dieses jährlichen Spektakels in Quina war so groß, dass man die Sitzplätze für die Autoritäten und wichtigen Persönlichkeiten der Stadt reservieren musste, welche alle kamen, um den später ausgiebig kommentierten Richtersprüchen beizuwohnen. Todesurteile waren nicht selten, sie waren es, die das meiste Geraune im Saal hervorriefen. Die Ehefrauen der Geschworenen jedes Falles hatten Vorrang bei den Plätzen in der ersten Reihe. Quina kam sich exemplarisch und sehr liberal vor, weil es dem schwachen Geschlecht – das damals weder gewählt werden noch wählen, noch Geschworener sein, noch sonst irgendetwas durfte – Beobachterinnenplätze anbot. Das kehrte in jeder Rede wieder, gleichgültig zu welchem Thema und zu welchem Anlass. Mit anderen Worten oft, denn es stimmt, dass einem in Quina wegen allem und jedem eine Rede um die Ohren gehauen wurde.
Fünf Fälle sollten dieses Jahr noch verhandelt werden, und als ich am Vorabend für die Ferien aus Port-au-Prince anreiste, erfuhr ich abends bei Tisch, dass es in den ersten beiden um Frauen ging, die sich des Totschlags an Männern, die sie geliebt hatten, schuldig gemacht hatten. Das durfte ich nicht versäumen, denn Verbrechen aus Leidenschaft wurden in Quina zwar häufig vor Gericht gebracht, aber es standen dort selten Frauen. Ich kannte freilich alle Verbrechen aus Leidenschaft, die ein zehnjähriges Abonnement von „Historia“ seit Kriegsende in den Bücherregalen meines Vaters versammelt hatte, aber große Verbrecherinnen aus Fleisch und Lust, leibhaftige exzessiv Liebende, niemals! Ich erfuhr auch, dass ein junger Anwalt, der am Gericht seine Ausbildung absolvierte, wegen der Armut der ersten Angeklagten zum Pflichtverteidiger bestellt worden war und dass die andere sich dank des Erbes, das sie bei einem Freispruch erhalten würde, einen Verteidiger leisten konnte. Was die drei angeklagten Männer betraf, so waren sie wegen ihres banalen Geschlechts nicht einmal einen Kommentar wert.
Es war so vielversprechend, dass ein Korrespondent der Zeitung La Garde des Cayes aus der Bezirkshauptstadt von meinem Onkel Loulou für zwei Tage zu uns nach Hause geschickt wurde, damit er für Auflage sorgte. Mein Onkel sagte über ihn, er sei eine Feder mit Zukunft. Er hieß Jacquot und schlief über mir im Etagenbett. Er war mir eine wertvolle Hilfe, um mich als Fotografenhelfer, der den mit einer Autobatterie gespeisten Scheinwerfer bediente, in den Saal einzuschleichen. Er sollte später den Fall so offen mit mir diskutieren, wie es kein Erwachsener aus der Familie bislang gemacht hatte. Es stimmt, dass ich älter wirkte und dass ich schon zwei Jahre im Internat in Port-au-Prince verbracht hatte.
Der Fall vom Montag sah für die Verteidigung ganz nach unbeabsichtigter Tötung aus oder gar nach einer mitleidigen Geste, die ein schlimmes Ende genommen hatte. Die Todesursache war klar, der Mann war erhängt aufgefunden worden, aber die Umstände dieses Todes waren es weniger. Es handelte sich um einen älteren wohlhabenden Mann, der ein sehr junges Mädchen zur offiziellen Konkubine genommen und ihr ein bequemes Haus am Stadtrand eingerichtet hatte. Sie war noch minderjährig, würde das heutige Zivilgesetzbuch sagen, aber damals blieben die Frauen ihr Leben lang minderjährig. Die nachlassenden Kräfte des Siebzigjährigen sprachen auf die wenigen lokalen Rezepte auf der Basis von rumgetränkten Lianen nicht mehr an, und auch nicht auf die Fläschchen der sehr beliebten Apotheke Sostène in der Hauptstadt. Diese sollte ihren Namen einem brutalen Herzanfall geben, der nach Einnahme ihrer Tränke eintrat, der akuten Sostenitis. Anscheinend blieb dem Patienten kein Mittel mehr übrig, als sich aufzuhängen und sich sofort wieder zu befreien, wenn der erwünschte Blutzufluss eingetreten war. Den zahlreichen Zeugen zufolge hatte er sich mehrfach öffentlich mit dieser unfehlbaren Methode gebrüstet. Aber eines Tages kam es zum Unfall. Einem vorhersehbaren Unfall, wie die Verteidigung behauptete. Es war Mord, antwortete die Anklage, wegen einer finsteren Erbschaftsgeschichte. Die Beweisführung der Anklage war unerbittlich und auf solide Indizien gestützt. Ich gab der Kleinen, die nicht klug genug gewesen war, auf ein natürlicheres Ende ihres Protektors zu warten, nicht viele Chancen. Ich wähnte sie verloren. Aber der Verteidiger, ein Tenor des Gerichtssaales, der als Letzter sein Plädoyer hielt, machte aus der Extremlösung des Alten ein Melodram und spürte der Vermessenheit ihrer Ausführung in den kleinsten Details nach. Zusammen damit, dass es natürlich keine Zeugen der tödlichen Szene gab, führte dies zum Freispruch wegen vernünftigen Zweifels an ihrer Schuld.
Ich hatte einen Gutteil des Abends damit verbracht, all das, was ich an diesem einen Montag gelernt hatte, in meinem Kopf zu sortieren und zu ordnen, während Jacquot sich an meinem Arbeitstisch mit seiner Kolumne herumschlug. Er hatte darauf bestanden, mir die Depesche vorzulesen, die er im Morgengrauen dem Fahrer des Lastwagens nach Les Cayes übergeben musste. Sein Artikel kam in der Dienstagabendausgabe des Blattes heraus, das auch am Donnerstag und am Samstag erschien. Er hatte mir gesagt, wie wichtig die Überschrift war, und unterstrichen, dass oft alles von einem guten Titel abhing. Nach einigem Zögern hatte er sich schließlich für „Die Ballade vom Gehängten“ entschieden. Ich lächelte. Sein Text enthielt jede Menge pikanter Details, von denen niemals die Rede gewesen war. Oder ich hatte sie nicht gehört. Ich machte ihn darauf aufmerksam.
Wir sprachen lange über den Journalismus, den er an der Universität studierte, den er angesichts seiner Risiken jedoch zugunsten der Medizin aufzugeben erwog. Der Preis der Bravour war zu hoch. Er erzählte mir, dass das erste Opfer von Haitis Kriegseintritt nach Pearl Harbour am 7. Dezember 1941 ein Journalist und Radiokommentator gewesen war, ein hochriskanter vorgeschobener Posten, denn das letzte haitianische Kriegsopfer, gestorben am 4. Februar 1945, dem Tag der Konferenz von Jalta, war ein anderer Journalist, ebenfalls Radiokommentator. Die Präsidentenrede von 1941, improvisiert unter starken Emotionen, begann mit: „Die ganze Welt ist gewarnt, die ganze Nation weiß Bescheid, ich erkläre hiermit dem Japanischen Kaiserreich den Krieg.“ Lescot kam damit Roosevelts Rede zum Kriegseintritt der Vereinigten Staaten gegen die Achse um gute zwei Stunden zuvor. Der Präsident schloss mit den Worten: „Bald wird am Himmel über Berlin die haitianische Luftwaffe ihre Bahnen ziehen.“
Die Ansprache stand grammatisch mehr als einmal auf wackeligen Füßen, und der Journalist begann seinen Bericht mit der Schlagzeile „Der Präsident ist gegen die Achse – und gegen die Syntax“ und besiegelte seinen Sturz mit dem beruhigenden Hinweis auf die geringe Gefahr, die dem Präsidenten in diesem Krieg drohte: „Noch niemand ist daran gestorben, dass er sich lächerlich gemacht hat, Exzellenz.“ Daran, dass er sich lustig gemacht hat, allerdings schon. Das letzte Opfer wiederum beging sein Wort zu viel, als es 1945 auf dem Flughafen live die Rückkehr desselben Präsidenten von seiner Reise in die Vereinigten Staaten kommentierte: „Der Präsident steigt die Gangway hinunter, er trägt einen grauen Anzug und eine graue Krawatte; Schuhe, Hemd und Einstecktuch scheinen uns aus dieser Entfernung ebenfalls grau zu sein, ebenso wie der Hut … Insgesamt können wir sagen, dass ihm auf dieser Reise lediglich die gleichfarbigen Zellen gefehlt haben.“ Der Präsident hatte einen „marasa“, einen „Polkatanzpartner“, eine Fortsetzung seiner selbst, wie sie Präsidenten oft haben, einen Blutsbruder, wenn man so will, der oftmals Innenminister ist. An ihn wandte sich der damalige Chefredakteur der Morgenzeitung wutschäumend, um die sofortige Freilassung des letzten Verhafteten zu fordern. Auf der Titelseite war sechsspaltig zu lesen: „Der Blutbruder!“ Es war die letzte Ausgabe der Zeitung, die am selben Abend durch einen willkommenen Brand zerstört wurde.
Ich wusste auch, dass mein Onkel, Direktor von „La Garde“ – das war eine ironische und gefährliche Anspielung auf die Garde von Haiti –, bereits zweimal im Gefängnis gesessen hatte. Alle sagten ihm voraus, dass er seinen dritten Gefängnisaufenthalt nicht überleben würde. Ich schlief nachdenklich ein in der Hoffnung, dass der zweite Tag ebenso reich an neuen Erkenntnissen sein würde.
In dem Fall vom Dienstag ging es um die Vergiftung eines Haustyrannen, dem die Ehefrau zu guter Letzt, als sie nicht mehr konnte, eine tödliche Suppe zubereitet hatte. Die Sache war schon einige Jahre her und war nur ans Licht gekommen, weil die Krankenschwester, die das erforderliche Pulver geliefert hatte, auf dem Totenbett gestanden hatte. Um ihr schweres Gewissen zu erleichtern, hatte sie sich jedem anvertraut, der in die Nähe ihres Bettes kam, und noch bevor ihr Körper völlig erkaltet war, hatte sich die Nachricht überall in der Stadt herumgesprochen. Die Angeklagte war zusammengebrochen, und der Anwalt in Ausbildung unternahm lobenswerte Anstrengungen, um zu zeigen, dass die Witwenschaft, die Einsamkeit, die Armut und das Leben ohne Privatsphäre ihr verglichen mit dem „argumentum baculinum“ – schon wieder die rosa Seiten des „Petit Larousse“, denen das öffentliche Wort von Quina so viel verdankte – als ein friedlicher Hafen erschienen waren. Es stand ziemlich schlecht um seine klassische Verteidigung, als er den genialen Einfall hatte, die körperliche und seelische Qual der Frau durch eine Anweisung zu illustrieren, die es auf die Titelseite von La Garde bringen sollte: „Behalten Sie die Stellung bei!“ Diesen Schlachtruf stieß der Ehemann aus, wenn er eine Pose seiner Gattin anregend fand, vor allem, wenn sie bei ihren kleinen Haushaltspflichten unter den Tischen oder Betten Staub wischte. Jacquot lachte, dass er sich schier den Kiefer ausrenkte. Alle lachten mehr oder minder offen, trotz der Hammerschläge von Richter Pivergé, einem Mann, der niemals lachte, und seinen Drohungen, den Saal räumen zu lassen. Nun, da er sicher war, eine Goldader gefunden zu haben, ließ der Anwalt eine Serie von Illustrationen der These vom sexuell Besessenen los, wobei das unvermeidliche „Behalten Sie die Stellung bei!“ jedes Mal vom Publikum als Echo wiederholt wurde. Der Richter musste ihn mehrfach daran erinnern, dass er sich in einem Gerichtssaal und nicht auf einer Lustspielbühne befand. „Um nicht noch mehr zu sagen“, fügte er hinzu, denn die Verteidigung trug noch dicker auf. Den Geschworenen fiel das Ernstbleiben genauso schwer wie allen anderen. Nur der Richter blieb ungerührt. Der Freispruch folgte. Ti-Michel hatte bei seinem ersten Fall erprobt, was in einem Schwurgericht ein Bonmot anstelle einer legitimen Verteidigung ausrichten konnte. Dies war die mürrische Schlussbemerkung des Richters nach Verlesen des Beschlusses der Jury. Die Stadt belebte sich mit Menschenaufläufen an den Straßenecken. Ich war hin- und hergerissen, unfähig zu entscheiden, welches Werkzeug, die Schnauze des Anwalts im Schwurgericht oder die Feder des Journalisten, am faszinierendsten, am wirksamsten war. Bei diesem Abendessen diskutierten wir endlos, mit dem Schwung einer neuen beratenden Jury, über die Urteilssprüche. Meine älteste Schwester, die mit Beginn des Studienjahres im Oktober an der medizinischen Fakultät studieren wollte, hatte an allen Verhandlungen teilnehmen wollen, aber das war nicht wirklich etwas für unverheiratete Mädchen. Jacquot aß ein letztes Mal mit uns, bevor er wieder den Lastwagen nach Les Cayes bestieg. Irgendetwas in seinem Verhalten hatte sich indessen verändert, er wirkte zurückhaltender, fast schon gezwungen und ganz sicher weniger gesprächig. Und was waren das für verstohlene Blicke, die er meiner Schwester hin und wieder zuwarf? Auch sie war ganz komisch!
Mein Doc von Schwager wird lächeln, wenn er diesen Text liest. Ich hätte mich gefreut, wenn Onkel Loulou ihn auch hätte lesen können, aber er sollte seinen dritten Gefängnisaufenthalt nicht überleben.