Die Insel Am Ende Der Traeume
Kapitel 1
Der Morgen brach gerade neblig frisch an, und der Himmel war noch befleckt von den Farben der Nacht, als wir Santiago de Cuba verließen. Keine Menschenseele zu sehen, die engen Gassen versunken in Stille und Mysterien. Ein leichtes, magisches Helldunkel lag um das Antlitz der Dinge: um die Gebäude mit ihren verstümmelten Fassaden, die alten Autos, die entlang den Bürgersteigen wie in einem menschenleeren Museum standen, die mangels Luft stummen Bäume… Die letzten Nachtwandler hatten sich schon in ihre Betten verkrochen. Die streunenden Hunde unter irgendeinem Vordach oder einer Bank ließen ihr klägliches, ausgehungertes Gebell ruhen. Selbst unsere Schritte waren mit der Stille der Stadt verschmolzen. Schließlich drang hinter den geschlossenen Fenstern ein kräftiger Kaffeeduft und das Geklapper von Tassen hervor. Dann kam uns Stimmengesäusel entgegen, das zu einem langen Gemurmel wurde und wie eine Woge anschwoll, je näher wir dem Hafen kamen und je heller es wurde.

Der Segler, zehn Meter lang und in recht gutem Zustand, rechtfertigte bisher den Preis, zu dem er von einem spanischen Unternehmer, einem wahren Torquemada von Geschäftsmann, gemietet worden war. Im Vertrauen auf sein de-facto-Monopol, eine Partnerschaft mit dem kubanischen Staat und den Touristenansturm auf die Insel hatte der Mann sämtliche Verhandlungsversuche ignoriert. Nichts zu machen. Und das, obwohl ich, nebenbei bemerkt, vom Feilschen eine ganze Menge verstehe. Als unentwegter Weltenbummler war ich bewandert in der Kunst, den Preis entzweizubrechen, einige Dinare oder Pesos hinzuzufügen, sich zum Schein zurückzuziehen und dann kehrtzumachen, nur weil dir der Typ wirklich sympathisch ist und du ihn ein paar Kröten verdienen lassen willst, damit der Tag für ihn nicht umsonst war, denn der Gegenstand an sich interessiert dich nur wenig, um nicht zu sagen gar nicht, dann, angesichts seiner Weigerung, zwei oder drei Schekel vom Anfangsangebot abzuziehen, gibst du ihm zu verstehen, dass dies dein letztes Angebot ist, dass du im Übrigen, selbst wenn du wolltest, nicht mehr bieten könntest, denn du hast keinen roten Heller mehr in den Taschen – du kehrst deine Taschen extra um -, und zwischen zwei Angeboten lässt du eine Anekdote vom Stapel, die absolut nichts mit dem Gegenstand zu tun hat, um den ihr feilscht, wenn möglich eine Geschichte von Weibern oder Fußball, von Kindern, so zahlreich wie der Wüstensand, Synonym für Männlichkeit, das funktioniert immer, bis der Typ in die Enge getrieben ist und dir lächelnd die Hand hinstreckt, sowohl um das Geld einzukassieren, als auch, um dir zu gratulieren: Du hast gut verhandelt. Aber bei dem da hätte ich mir besser nicht den Mund fusselig geredet, denn dem Kerl ging das alles am Arsch vorbei. „Ich verkaufe keine Teppiche, meine Herren“, sagte er mit schlecht verhohlener Verachtung für so knauserige Kunden. Zum ausgehängten Preis oder gar nicht. Denken Sie sich noch eine sündteure Versicherung und den Lohn für den Skipper, der das Boot nach Santiago zurückbringen sollte, hinzu, und sie werden verstehen, dass ich ausfällig wurde:
„Das ist Betrug!“
Ich hatte all mein Pulver verschossen. Den Beleidigten spielen war alles, was ich noch tun konnte, um das Gesicht zu wahren. Aber der Mann war schlagfertig und konnte je nach Laune seines Gesprächspartners die Tonart wechseln.
„Wissen Sie, die karibische See ist nichts für Süßwassermatrosen.“
„Selber Süßwassermatrose!“
„Ich wollte Sie nicht beleidigen“, sagte er konziliant.
„In meinem Alter hält mich so eine Badewanne wie deine karibische See nicht auf.“
„Ich will keineswegs Ihre Erfahrung in Zweifel ziehen, mein Herr. Aber man muss sich in Acht nehmen, Sie haben hier eines der launischsten Meere der Welt.“
Dieses Gefeilsche lag nun hinter uns. Mit einem Nordnordwestwind im Rücken machte der Segler gute Fahrt. Der Himmel funkelte wie oft in der Karibik, hier und da durchzogen von dichten, unregelmäßigen Wolkenfeldern. Die anfangs zärtliche Sonne schärfte schon ihre Krallen an unseren Nacken. Bald mussten wir nach Backbord wenden und ein kleines Stück nach Norden fahren, bevor wir Kurs auf die Ile de la Tortue, das Ziel der Reise, nahmen. Der lange Umweg war notwendig, um uns von Guantanamo zu entfernen und die für Boote aus Kuba gesperrten US-Hoheitsgewässer zu umfahren. Ohne sein Manöver zu unterbrechen, ließ unser Begleiter eine Breitseite von Beschimpfungen in Richtung der Militärbasis los und hörte dann wieder zerstreut der Suada von JMF zu. Ein Wortschwall, der unablässig anbrandete wie Meereswogen. Abwechselnd brillant und widersprüchlich. Unmöglich, ihn zu stoppen, wenn er einmal in Fahrt war. Er hielt mit unerschöpflicher Beredsamkeit einen Vortrag nach dem anderen, ging nahtlos von einem zum anderen über, so wie man mit einer Kippe schon die nächste Zigarette anzündet. Was er ebenfalls tat, ohne Rücksicht auf seine Zuhörerschaft, von deren Aufmerksamkeit er sich von Zeit zu Zeit mit einem „Ich weiß nicht, ob ihr mich versteht“ vergewisserte. Im Grunde genommen kümmerte es ihn wenig, ob seine Gesprächspartner seiner Meinung waren oder auch nur zuhörten. Er beglückwünschte sich zu seinen eigenen originellen Einfällen, lachte aus vollem Halse über Witze, die nur er komisch fand, und erfüllte die Luft mit seinem unerschöpflichen Redefluss. Kurz, wie man in den Gassen von Neapel sagt, se la cantava et se la suonava. Etwas, was man auf der Ile de la Tortue, wie ich später erfahren sollte, mit dem schönen Ausdruck „die Trommel schlagen und selber dazu tanzen“ übersetzte.
Daran, dass der Mann Spanier war, bestand kein Zweifel. Ich stand mit dieser Sprache auf ausreichend vertrautem Fuß, um die meisten Akzente identifizieren zu können, die entlang ihrer Ausbreitungsroute ausgeschwärmt waren. Dagegen hatte ich keinen greifbaren Beweis für seinen Schriftstellerstatus, die Visitenkarte, mit der er gegenüber seinen Gesprächspartnern fast schon herausfordernd herumfuchtelte. Um die vierzig und bei guter Gesundheit, das Gesicht verborgen hinter einem graumelierten Bart und seine kleinen lustigen Augen hinter einer Intellektuellenbrille, die nur mit Mühe ein abenteurerhaftes Gehabe kaschierte. Er hatte die prahlerische Art der Sprücheklopfer und der Typen, die bereit sind, sich in das erstbeste Projekt zu stürzen, wenn es nur Saufereien, Weibergeschichten und Leben auf Messers Schneide versprach. Kurz, Erzählstoff, den er ständig hier und dort aufsammelte, gelegentlich auf das Risiko, dabei draufzugehen. Diesen Preis war die Literatur ihm wert. So hätte er direkt nach Haiti oder notfalls in die Dominikanische Republik fliegen und sich von dort aus über die schmale Meerenge auf die Ile de la Tortue begeben können, aber nein, er hatte es vorgezogen, in Santiago Station zu machen, um seine Leidenschaft für die Santiagueras zu befriedigen. „Das liegt auf dem Weg“, sagte er und unterstrich seine Worte mit einem schelmischen Zwinkern. Und so hatten sich unsere Wege gekreuzt: in einem billigen Hotel von Santiago, wo eine verrückte Marotte, so alt wie der Garten Eden, dabei war, mich völlig aufzureiben.
„Und, immer noch entschlossen, mein Freund?“
Der plötzliche Anruf hatte erst in der Luft geschwebt, bevor er feucht vom Passat zum Bug gelangte, wohin ich mich kurz nach der Abfahrt allein zurückgezogen hatte. JMF konnte es immer noch nicht fassen, dass ich ihm in ein so verrücktes Unternehmen gefolgt war. Daher die Frage, eine unaufhörliche Litanei, die er mir alle fünf Minuten an den Kopf schmiss: „Immer noch entschlossen, mein Freund?“ Vermutlich, um sich zu vergewissern, dass ich ihn nicht auf hoher See im Stich ließ. Dennoch gab es eine Erklärung für diese Entscheidung. Als der Mann an die Hotelbar getreten war, mir ein Glas spendiert und dabei ironisch gesagt hatte: „Du machst ein Gesicht wie eine Katze, die sich gerade mit Ratten vollgeschlagen hat“, war ich bereit, mich auf jede Schimäre einzulassen. Seine abgedroschene Geschichte von einem Krug voller Louis d’or in einer Grotte der Ile de la Tortue war genauso gut wie irgendeine andere. Einzige Variante: Der Krug sollte von Pauline Bonaparte vergraben worden sein, der jüngeren Schwester von Napoleon höchstpersönlich. Und die hatte sich zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts tatsächlich häufig auf der Insel aufgehalten, unter Umständen, die die Hypothese bestätigen könnten. Aber im Moment kümmerte mich der Wahrheitsgehalt dieser neuen Version der Schatzinsel herzlich wenig. Ich brauchte nur einen Vorwand, um die Stadt zu verlassen. Abreisen. Weggehen! Everywhere out of Santiago. Kurz, obwohl ich aus Prinzip Widerstand geleistet hatte, hatte der Spanier mich ohne große Mühe überzeugt.
Das Unwetter brach dort auf dem Segler los. Der Mann flößte mir nur mäßiges Vertrauen ein. Und für einen Instinktmenschen wie mich ist allein das unmittelbare, spontane Vertrauen entscheidend. Es erhob sich also ein wahrer Zyklon, der ruckweise vorrückte. Den soeben gewonnenen Boden wieder verlor. Einen Augenblick später wieder doppelt so viel gewann. So lange unermüdlich wieder angriff und ein paar Zoll Gehirn erkämpfte, bis ich mit dem Rücken zur Wand stand… Sein Verbündeter? Der alte Traum vom Reichtum, der auf jeden Menschen lauert. Meiner kauerte irgendwo in meinem Kopf unter schichtenweise Frustration und wartete nur auf den geeigneten Moment, um Revanche zu nehmen. Keine Überführungsfahrten für andere mehr! Keine kleinen Gelegenheitsjobs mehr! Kein Leben aufs Geratewohl mehr! Endlich mein eigener Chef. Natürlich war das ein verrücktes Unternehmen. Aber auch nicht verrückter, so sagte ich mir, um mich zu beruhigen, als einen Jahreslohn oder gar die Ersparnisse eines ganzen Lebens auf eine Nummer im Lotto oder die vier Hufeisen eines Pferdes zu setzen.
Es war Mitte Oktober. Der weite, frische Wind fing sich in den Segeln und blähte sie auf wie den Bauch eines schwangeren Wals. Ich sah ohne das geringste Bedauern zu, wie die frühere kubanische Hauptstadt sich entfernte. Erleichtert sah ich sie zu einem Sandkorn werden und schließlich meinem Blick entschwinden. In meinem Kopf verbündeten sich Zweifel und Hoffnung zu einem gemeinsamen Rückzug und gönnten mir eine glückliche Atempause, indem sie das Feld den tausend Legenden überließen, die seit Jahrhunderten über den ehemaligen Piratenschlupfwinkel kolportiert wurden. Herbeigeweht aus den weitesten Fernen der Kindheit von dem Wind, der mir über das Gesicht peitschte. Aus alten Schwarzweißfilmen. Aus fiebernder Lektüre in der Krone eines Obstbaums, geschützt vor dem Lärm des Hauses und der Nachbarn… Mit der Leichtfertigkeit des Gehörnten, der seine zweite Heiratsurkunde unterschreibt, ließ ich mich fortreißen.
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