Jenseits Der See
Jonas’ ErzählungI

(148 S, 14,80 €)
Ich war noch mit dem Erwachsenwerden beschäftigt, als die Stadt begann, von den unaufhörlichen Hammerschlägen widerzuhallen, die dem Leben auf dieser Seite des Ozeans ihren Rhythmus aufprägen sollten, crescendo, wie eine Note, die etwas lauter gespielt wird, als der Rest der Melodie. Wahrscheinlich hatte alles lange vor diesem Abend begonnen. Wahrscheinlich hatte das Gehämmer eine lange Pause gemacht und setzte wieder ein, so wie die Wellen sich zurückziehen, um sich dann mit verstärkter Wut gegen den Rumpf eines zerbrechlichen Bootes zu werfen. Jedenfalls begann ich sie in diesem Moment zu hören.
Ich erinnere mich noch genau an den trockenen, schüchternen Klang des ersten Schlages, dann der zweite, der dritte schon entschlossener … Ich war aus dem Bett gesprungen, war ans Fenster gegangen, das ich oft offen ließ, um die dem Schlaf förderliche Brise einzulassen, und hatte gehorcht. Das seltsame Getrommel hatte sich in der Nacht verstärkt und sich bis zum Morgen quälend durch sie hindurchgezogen. Seither war es nicht mehr verstummt und hatte sämtliche Geräusche ringsum übertönt: das Brummen der Autos, das Liebesgeheul, die Schreie der ausgehungerten Kinder, die wütend brennende Sonne, die gedämpften Schritte der Erinnerung …
Die Stadt gehörte damals dem Sohn des Mannes-der-für-tausend-Jahre-die-Macht-ergriffen-hatte. Die Bevölkerung hatte sich schließlich an den Gedanken gewöhnt, sah mit einem gewissen Wohlwollen zu, wie er mit seinem gutmütigen Gesicht im Hof des Palastes herumspazierte, und vergaß darüber die Terrorjahre, die die Herrschaft seines Vaters geprägt hatten. Freilich war er, nachdem seine eigene Herrschaft bei Karnevalsfeierlichkeiten besonders respektlos aufs Korn genommen worden war, im Fernsehen aufgetreten und hatte gebrüllt, er sei der Sohn eines Tigers und könnte bei Gelegenheit beweisen, dass er seine natürlichen Reflexe besaß, aber niemand hatte ihn ernst genommen. Die Bevölkerung hatte lediglich die Gelegenheit ausgenutzt, ihm den Namen Titig zu verleihen, einen der eher Zuneigung ausdrückenden Diminutive, wie man sie in dieser Ecke der Welt häufig antrifft. In der Folge hatten die Stadtbewohner seine Hochzeit mit einer ehemaligen Stripteasetänzerin und die Geburt des jüngsten Mitglieds der Dynastie sogar mit Freudenfesten begangen. Und so hätte nur ein Seher von hohen Gnaden ahnen können, was folgen sollte.
Eigentlich hätte beim plötzlichen Verschwinden Marie-Claires, die alles, was mit Pickeln im Viertel herumlief, in die Wonnen des Fleisches eingeführt hatte, zumindest den Jüngsten etwas dämmern müssen, denen, die sie allein durch die Macht ihres Geschlechtsteils in Angst und Schrecken hielt. Aber wir lebten zu sehr in der Erinnerung an ihre Lektionen, um an etwas anderes zu denken. Nicht einmal an den rüden und eher frustrierenden Unterricht der um fünf Jahre Älteren. Wir mussten so tun, als verstünden wir, wenn sie nach Kriterien, die sich nur nach ihrer momentanen Laune richteten, einen von uns für einen Vor- oder Nachmittag ausgewählt hatte. Der Erwählte folgte ihr dann stolz und schäumend vor Ungeduld. Manchmal nahm sie sich noch am selben Tag einen anderen, der ebenfalls stolz davonstolzierte, aber sofort den Schwanz einzog, wenn sie ihn schräg ansah. Wir kamen oft auf ihre Reize zu sprechen und wetteiferten verbal, wer ihr die größte Lust bereitet hatte. Die Wahrheit lag, wie wir alle wussten, eher in dem gleichmütigen Gesicht, mit dem sie am Fenster aufpasste, dass nicht unerwartet ein Störenfried auftauchte, während unser jugendliches Alter sich hinter ihrem gerade einmal bis zum Hintern hochgeschobenen Kleid auf der Suche nach jenem Schauer abmühte, der den Körper von den Zehen bis zu den Haaren durchläuft, den wir in Handarbeit herbeizuführen pflegten und der mit ihr immer schneller kam, als wir brauchten, um die Hose aufzuknöpfen, denn sie gestattete uns niemals, sie ganz auszuziehen. Dann musste man sich eilig wieder anziehen, während sie wie ein Wächter in lässiger Haltung regungslos vor uns stehen blieb, das Gesicht verzerrt von einer eigenartigen Grimasse, den Ellbogen aufs Fensterbrett gestützt. Ihre lückenlose Wachsamkeit hinderte im Übrigen ihre Schwester nicht daran, uns eines Vormittags mittendrin zu überraschen. „Das ist nicht wahr! So eine Unverschämtheit!“, zeterte sie. Ich konnte gerade noch die Hose hochziehen und aus dem Zimmer laufen, verfolgt von der Stimme der jungen Frau, die ihre jüngere Schwester zusammenschnauzte.
Nach diesem Missgeschick, das mich zum Gespött aller Freunde machte, hatte Marie-Claire sich von uns entfernt. Sie ging kaum aus dem Haus. Man sah sie nur zum Einkaufen gehen, bevor sie sich wieder in dem Zimmer einschloss, das sie mit ihrer älteren Schwester teilte. Ich spähte so lange durch dieselben Fensterläden nach ihr, durch die sie eventuelle Störenfriede im Auge zu behalten pflegte, bis ich sie eines Tages auf ihrem Bett liegen sah. Nackt wie am Tag ihrer Geburt. Ihr nackter Körper, den ich zum ersten Mal erblickte, erregte jedoch weniger meine Aufmerksamkeit als ihr Gesichtsausdruck: abwesend, aufgelöst. Vielleicht hatte man ihr eine Katastrophennachricht überbracht: den Tod ihrer Eltern oder das Ende der Welt in den nächsten vierundzwanzig Stunden, ohne dass sie den eigentlichen Sinn der Botschaft begreifen konnte, so wie die Heranwachsende, die nach einer überzeugenden Predigt des protestantischen Pastors über die nahe bevorstehende Rückkehr des Herren heimlich zu ebenjenem Herren betete, damit er seine Rückkehr noch so lange aufschob, bis auch sie von den Mysterien der Ehe gekostet hatte. Marie-Claire trällerte ein altes Lied, das die Familien in der Stadt von Generation zu Generation weitergaben, so dass am Ende niemand mehr Ursprung und Autor kannte. Das Lied tönte tief, während Tränen über ihr Mondgesicht liefen:
Weh, Wind, weh!
Meine Mutter fuhr zur See
Mein Vater fuhr zur See
Weh, Wind, weh!
Dass ich sie wiederseh.
Marie-Claire verschwand eines Morgens spurlos. Manche sagen, dass sie durch den Massakerfluss gewatet und in die Kleinstadt an seinem Ufer zurückgekehrt sei, aus der sie stammte. Andere behaupten, sie hätte eines der Boote bestiegen, die versuchten, die Ufer dort drüben zu erreichen, blinder Passagier eines Schicksals, in dem sie von Anfang an auf der Ersatzbank saß. Andere wiederum ließen das Gerücht umgehen, dass sie während einer Zeremonie gestorben sei, in der sie sich anschickte, Luzifer im Austausch für eine Stelle als Bordellwirtin und das damit verbundene Renommee ihre Seele zu verkaufen. Als der Teufel erschien, konnte sie trotz der Warnung des Zeremonienmeisters der Versuchung, ihm ins Gesicht zu sehen, nicht widerstehen. Sie öffnete die Augen und starb wie vom Blitz getroffen, noch bevor sie sie wieder schließen konnte. Was mich betrifft, so spukt mir nur eine Frage weiterhin im Kopf herum: Warum gab sie sich unerfahrenen vierzehn-, fünfzehnjährigen Jungen wie uns hin, obwohl sie genug Reize hatte, um weit reifere Männer zu verführen? Lange habe ich gehofft, ihr zu begegnen, irgendwo zufällig in den Straßen einer Stadt mit Millionen Anonymen, ich hätte sie eingeladen, in einem Hotelzimmer mit mir zu schlafen, an einem Strand, hinter Büschen, ich hätte sie für ihre Großzügigkeit geliebt und für die Heranwachsenden des Viertels, all jene, denen sie in der Schlucht ihrer Lenden die Hölle und das Paradies zugleich geschenkt hatte. Die Hoffnung hat mich noch nicht verlassen.
[…]
II
Marie-Claires Verschwinden war der einzige Anhaltspunkt, mit dem ich die Hammerschläge zeitlich eingrenzen konnte. Von diesem Datum an und vor allem ab der Nacht, in der ich auf dem Bett lag und an ihre verlorenen Reize dachte, war es, als hätte ein bösartiger Geist der Bevölkerung im Traum die baldige Zerstörung der Stadt angekündigt. Von morgens bis abends waren die Handsägen fieberhaft tätig, wurden Bäume gefällt, Bretter gesägt, und es klopfte, klopfte. Die Stadt hatte sich in eine riesige Schiffswerft verwandelt, die fast schon an die Erde in den Tagen vor der Sintflut erinnerte. In manchen Vierteln war kein einziger Baum mehr übrig, die Erde trocknete aus und wich zusehends der vorrückenden Wüste. Ganze Familien hatten leichte Boote gebaut, die mit knapper Not auf dem Wasser schwammen, und waren abgefahren, ohne Gruß an die Götter und ohne sich umzuwenden, aus Angst, zur Salzsäule zu erstarren. In anderen Vierteln verkauften die Bewohner alles, was sie hatten, nur um die Überfahrt bezahlen zu können. Manche mussten sich sogar bei Verwandten und Freunden Geld leihen, um die notwendige Summe zusammenzubringen.
Es verging keine Woche, ohne dass auf hoher See eine zum Bersten voll besetzte Nussschale aufgebracht wurde. Die zerlumpten, von Salz und Sonne ausgetrockneten Körper der Männer und Frauen standen im Kontrast zu den hoffnungsvoll leuchtenden Augen. Diejenigen, denen es gelungen war, der Aufmerksamkeit der Küstenwachen ein Schnippchen zu schlagen oder sie zu bestechen, konnten deswegen nicht sicher sein, ans Ziel zu gelangen. Oft genug kenterten die zerbrechlichen Boote einige Meilen weiter, umgeworfen von der ersten hohen Welle oder der ersten Klippe. Das Meer öffnete sich, verschluckte die Passagiere, schloss sich über ihnen und lag wieder so gleichmütig da wie vorher. Kein Überlebender. Im günstigsten Fall strandete das Boot an anderen Ufern als dem gelobten oder erträumten. Auf der großen Insel. Auf Felsstaub, verstreut inmitten des Ozeans. Manchmal bestimmte der Kapitän selbst aufs Geratewohl die Männer, die über Bord geworfen wurden, um das Boot leichter zu machen, oder als Opfer den Zorn der Götter besänftigen sollten. Die Frauen kamen nur mit dem Leben davon, wenn sie gewisse Skrupel zum Schweigen brachten. Es entstand so ein neuer Unternehmerschlag, Veranstalter von Reisen, deren Passagiere, nachdem sie teures Geld für die Überfahrt bezahlt hatten, ihrer wenigen Habseligkeiten beraubt und den Haien überlassen wurden. Der Sohn des Mannes-der-für-tausend-Jahre-die-Macht-ergriffenhatte hatte möglicherweise Zweifel an der Wirksamkeit der Repression in diesem Fall und machte sich Sorgen um sein Image im Ausland, so dass er schließlich die Leute dafür bezahlte, nicht zu gehen. Seine Gattin zog persönlich durch die Slums, wo sie wie eine neue Evita bejubelt wurde, und verteilte die Umschläge. So mancher schlug vor, eine Abordnung in den Vatikan zu entsenden, um sie trotz ihrer Vergangenheit als Stripteasetänzerin heiligsprechen zu lassen. Sie konnte auch nichts Schlimmeres getan haben als Maria Magdalena, sagten ihre Hagiografen. Die Regierung von dort drüben tat es dem Paar bald gleich. Ihre Gaben waren obendrein von Experten begleitet, die die Bevölkerung lehrten, ihre Auswanderungsgelüste zu unterdrücken. Einige hatten das so erhaltene Geld bald mit diversen Saufgelagen durchgebracht. Für sie kündete dieser Exodus vom nahen Weltuntergang. Da konnte man genauso gut richtig zulangen, zumal man nicht sicher war, ins Paradies zu kommen. Die Innenstadtviertel ähnelten so mehrere Tage hindurch einem modernen Sodom. Männer und Frauen lagen durcheinander in den Betten, es herrschte ausschweifender Überfluss an Essen, Musik, Parfums und exotischem Alkohol. Bewohner der vornehmen Stadtviertel mischten sich ohne die geringste Rücksicht auf ihren Rang unter die Kanaille. Während die anderen sich in unerhörten Spielen ergingen, sahnten einige kleine Schlauköpfe ab, um den Kauf neuer Boote zu finanzieren.
Zur Abschreckung der Hartnäckigsten zeigte das Fernsehen Bilder, die gelinde gesagt unerträglich waren. Ein Hai verschlang eine schwangere Frau wie nichts, der Fötus, der noch an der Nabelschnur hing, wurde in einem Haps gleich mitverschluckt. Die, die bis nach drüben gelangten, wurden von bis an die Zähne bewaffneten Soldaten empfangen und rücksichtslos zusammengeschlagen, sobald sie das Ufer auch nur mit einem Zeh berührt hatten. Die Überlebenden landeten in Internierungslagern, wo Ärzte mit weitherzigem Berufsethos sich über die Versuchskaninchen freuten, die ihnen da zur Verfügung gestellt wurden. Die Männer kamen als Frauen mit zwei riesigen Zitzen mitten auf der Brust wieder heraus. Jenen wiederum wuchs nach einer Behandlung mit drei Androsteroninjektionen pro Tag ein scheußlicher Bart am Kinn und ihre Brüste schmolzen dahin wie Butter in der Sonne. Auch diese Ungeheuer, vormals menschliche Wesen, wurden im Fernsehen zur Schau gestellt. Aber nichts half. Die Leute gingen weiter außer Landes, überzeugt, dass die andere Seite nicht schlimmer sein konnte als die Stadt. Kein Ort konnte schlimmer sein als die Stadt.
Grannie saß in ihrem Schaukelstuhl auf der Galerie, während das Viertel sich leerte wie eine Garnrolle, und grummelte unaufhörlich vor sich hin. Es schmerzte sie noch mehr, als sie erfuhr, dass Leute aus unserem Bekanntenkreis zu dem Strandgut gehörten. „Warum?“, murmelte sie immer wieder in einer endlosen Litanei, als wüchsen die Ereignisse ihr über den Kopf. „Warum sagt ihnen niemand, dass sie dort drüben nichts finden werden, nicht einmal das Echo ihrer Träume?“ Sie wurde trauriger als der Deckel des Grabes, dem jeder Tag sie näher brachte. Ich hatte noch nie zuvor bemerkt, dass sie so viele Falten im Gesicht hatte, ebenso wenig wie die weißen Haare auf ihrem Kopf, unter denen hier und da ein graues zu sehen war. Der Rest schien über Nacht gewachsen zu sein. Sie schrumpelte zusammen und war wie in der Mitte zusammengefaltet: Sie hatte die schlanke und stolze Statur eingebüßt, mit der sie mich früher an die Peulh-Frauen aus dem fernen Afrika erinnert hatte. Und ihr durch die fehlenden Zähne hohlwangiger Mund – sie trug ihr Gebiss nur ungern – wiederholte wie zu ihr selbst: „Warum?“
Dieselbe Frage stellte sie mir, wann immer ich eine Stunde später als vorgesehen nach Hause kam. Kaum, dass sie die Eingangstür aufschließen hörte: „Bist du’s?“ „Wer denn sonst, Grannie? Schläfst du nicht?“ „Wie soll ich schlafen bei all dem, was hier vorgeht?“ Ein unabänderliches Ritual. Manchmal setzte ich mich zu ihr auf den Bettrand und plauderte ein wenig mit ihr, verfolgte durch die Furchen ihres Gesichtes die Jahre zurück. Sie konnte, wenn ich nicht achtgab, die ganze Nacht in ihrem Gedächtnis kramen. Mir von der Zeit erzählen, als die Stadt war. „All das ist jetzt schon lange her, mein lieber Jonas. Aber du brauchst keine Angst zu haben: Das ist die Erfüllung der Prophezeiung. Die Herrschaft der Menschen wird zu Ende gehen, die Rückkehr Christi steht nahe bevor …“