Pressestimmen

 

 

Zu Georges Anglade: „Das Lachen Haitis“

Bestenliste Weltempfänger 2/2009, www.litprom.de/144.html

„Georges Anglade erfindet eine Tradition der oraliture als Prosaform neu: 90 lodyans – die spezifisch haitianische Form des zu kompakter Prosa kondensierten Lebens. Kondensierte Epen, Romane, Porträts, Chroniken, Erotika, Biographien, Tragödien, Komödien & Satyrspiele. Große komische Literatur im Miniaturformat. The world in a nutshell, virtuos komponiert und ziseliert. Weltliteratur aus einer in unserer Wahrnehmung marginalisierten Kultur. Grandios.“ (Thomas Wörtche)

 


Auszüge aus der Rezension von Dina Netz, SWR2, 15.5.2009

„‚90 Miniaturen’ heißt das Buch von Georges Anglade im Untertitel. Aber der Begriff „Miniaturen“ ist nur ein krückenhafter Behelf für ‚Lodyans’, ein spezifisches haitianisches Literatur-Genre, dessen Wiederbelebung Georges Anglade betreibt; er nennt sie die ‚haitianische Fiktionsform par excellence’. Die Lodyans waren ursprünglich eine mündliche Form.
[…]
Die Sprache des Haitianers Georges Anglade ist bildhaft, direkt und voller Ironie. Sein überbordender Stil erinnert ein wenig an den magischen Realismus vom lateinamerikanischen Festland, nur dass Anglades Geschichten auch überquellen von Witz.
[…]
Georges Anglades Geschichten sind lustig, böse und traurig – alles zugleich. In ihnen allen spiegelt sich der Schmerz darüber, aus einem verlorenen Land zu stammen, dem man nur mit Haitis Lachen begegnen kann. Diese 90 Miniaturen sind wie eine Schatzkiste voller Perlen: manche davon strahlend hell, andere mit Einschlüssen oder von düsterem Glanz.“

 

Auszüge aus der Besprechung von Lutz Bunk im Deutschlandradio Kultur, Radiofeuilleton vom 22.1.2009

Zwischen Voodoo, Erdbeereis und Folter
[…]
Eine der wichtigsten literarischen und politischen Stimmen Haitis ist sicherlich Georges Anglade. […]
Jetzt stellt der litradukt-Verlag ein neues Buch von Anglade vor: "Das Lachen Haitis. Neunzig Miniaturen", eine Auswahl aus vier Erzählbänden, die Anglade in den letzten zehn Jahren in Kanada veröffentlicht hat.
[…]
Die Clous der Storys versetzen den Leser regelmäßig in Schockstarre. Anglades Stil hingegen ist stets strahlend und von Lebensfreude und Witz geprägt, elegant und sinnlich – „eine Landschaft, schön wie am Morgen der Schöpfung, abgeschlossen wie in einem Heiligtum“.
[…]
Keine der 90 Geschichten zeigt auch nur einen Moment literarische Schwächen, im Gegenteil, eine ist besser als die andere. Anglades Sprache gleitet, mal poetisch und märchenhaft, dann wieder modern und eigenwillig expressionistisch: "Empörungsstoff", "Diktaturgrammatik", oder "Knast erfahren wie einen Auto Crash".
Anglades Stil ist voller Licht und Charme, und er zeigt sich als Meister der Beschreibung und genauster Beobachtung. "Das Lachen Haitis" zu lesen, rührt an die tiefsten Gründe und Abgründe des Menschlichen und Allzumenschlichen. Anglade ist ein wirklich großer Schriftsteller, und seine Geschichten sind traurig, aber wunderschön.



 

 

Zu Georges Anglade: „Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?“

 

Auszüge aus der Besprechung von Hans Christoph Buch, FAZ vom 4.2.2009

Literatur aus und über Haiti hat es schwer im deutschen Sprachraum, wo die Frankophonie als Brücke fehlt. […] Nur wenige wissen, dass Haiti die zweitälteste Republik Amerikas ist, wo, anders als in den Vereinigten Staaten, nicht Kolonialherren, sondern Sklaven ihre Freiheit und Unabhängigkeit erkämpften. […]

Wer sich aus erster Hand informieren möchte, der findet in den von Peter Trier übersetzten Büchern des Litradukt Verlags reiches Anschauungsmaterial. Aus der auf mehrere Titel angewachsenen Buchreihe seien hier zwei herausgegriffen. "Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?" von Georges Anglade ist eine brillante Politsatire, die auf der ebenso verblüffenden wie einleuchtenden Idee beruht, unter Haitis Kontinentalschelf würden ergiebige Ölvorkommen entdeckt, die den Habenichts über Nacht zum Zankapfel der Weltpolitik machen. Das Ganze ist nur ein Bluff, um Washington zu militärischem Eingreifen zu bewegen, damit, ähnlich wie im Irak und anderen Aggressionszielen, ein Geldsegen auf Haiti niedergeht. […]

Georges Anglade ist gelernter Geograph und war Minister unter Jean-Bertrand Aristide, den er nach dessen Sturz ins nordamerikanische Exil begleitete. Der Autor kennt sich aus in den Kulissen der Politik und karikiert die Schwächen der Mächtigen mit ins Schwarze treffendem Humor: […]. Dass die Sache nicht gut enden wird, ist von der ersten Seite an klar, aber die abstrusen Verwicklungen und der hanebüchene Höhepunkt, auf den der Konflikt zusteuert, sollen hier nicht verraten werden.



Tanja Thome auf http://www.sandammeer.at/ vom Dezember 2007

"Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?" ist nicht allein wegen seines satirischen Inhaltes eine Freude zu lesen, sondern gerade auch, weil Anglade es […] versteht, dem Leser Haiti ein Stück weit näher zu bringen. Es gibt einiges über dieses Land zu lernen, wie man bei der Lektüre feststellt, und nicht unwahrscheinlich ist, dass dieses Buch dazu anregt, sich auch nach dem Lektüreende genauer mit Haiti zu beschäftigen.

"Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?" ist ein sehr unterhaltsames, kurzweiliges, zugleich jedoch auch ernstes, informatives und anspruchsvolles Buch, für das eine unbedingte Leseempfehlung ausgesprochen werden kann.

 

Auszüge aus dem Beitrag von Hendrik Heinze (Bayerischer Rundfunk)

„Eine Handvoll Schwarze auf einem Felszipfel“ – so beschreibt Georges Anglade seine karibische Heimat Haiti. 27.750 Quadratkilometer Elend, vom Meer umspült, vom Pech verfolgt und von der Welt bedauert. Besser werden kann es nur durch eine tollkühne Idee des Schriftstellers: Der Felszipfel Haiti erklärt den Vereinigten Staaten von Amerika den Krieg.
[…]
Es zeichnet gute Satire aus, dass der abwegigste Gedanke auf einmal nicht mehr absurd erscheint, sondern viel aussagt über seinen Gegenstand. Aus der Überzeichnung wird eine scharfe Zeichnung.
Der Zeichner der USA-Satire und anderer kunstvoller Geschichten ist ein Mann, der beeindruckt. Von schwerer Gestalt, mit einem weißen Vollbart und ganz in schwarz gekleidet, sieht Georges Anglade aus wie ein Priester. Der 65-jährige lacht viel und holt zu großen Gesten aus, ganz der übersprudelnde Geschichtenerzähler.
Seit 40 Jahren lebt Anglade in Haiti und Kanada und analysiert aus dieser doppelten Perspektive die Lage auf der Insel:
Anglade (Overvoice): „Katastrophal, weil das Land schlecht regiert ist. Allen Anstrengungen zum Trotz wird es zur Explosion kommen. Wir haben heute das gleiche Bevölkerungsverhältnis wie zur Zeit der Sklaverei: 99,5 Prozent der Haitianer sind so arm, dass es schon keine Armut mehr ist, sondern Elend. Und dann gibt es die anderen 0,5 Prozent – aber verzeihen Sie, ich sehe die Dinge wieder aus einer politischen und wissenschaftlichen Sichtweise und nicht mehr aus einer literarischen. Aber zwischen diesen zwei Sichtweisen habe ich noch nie getrennt.“
Anglades Lebensmotto stammt von Antonia Gramsci, es ist eines Haitianers würdig: Pessimismus des Verstandes – Optimismus des Willens. Als Professor für Sozialgeografie erforscht Anglade die Struktur eines Landes, dessen komplette Mittelschicht ins Exil gegangen ist. Als Politiker verfasste er ein Manifest für einen demokratischen Aufbruch und diente als Minister, und als Autor schreibt er für eine Insel, auf der jeder zweite Erwachsene nicht lesen kann.
Seine Geschichten erzählt Anglade in der jahrhundertealten Tradition lodyans, eine Verballhornung des französischen audience – Publikum. Es ist die Erzählkunst der kleinen Leute, wenn sie sich bei Einbruch der Nacht vor dem Haus versammeln und einem der ihren zuhören. Wie kleine Landkarten skizzieren die Geschichten die wesentlichen Züge eines viel größeren Gebietes, farbenfrohe Miniaturen voller Wahrheit, Humor und Sprachwitz. Als die Familiendiktatur der Duvalier 1957 für drei Jahrzehnte an die Macht kam, war es vorbei mit den Erzählungen.
Anglade (Overvoice): „Die Geschichtenerzähler waren die Ersten, die man zum Schweigen gebracht und getötet hat. Die lodyans ist eine Erzählkunst, die keinen Menschen und keine Klasse verschont und die auch von den Eigenheiten der Herrschenden erzählt hat. Aber diese Minderheit hasste es, dass man über sie sprach und lachte. Die lodyans-Geschichten, die waren Dynamit: Subversive verspielte Erzählungen über Dinge, die nur vermeintlich für sich selbst stehen.“
Die Geschichte dieser Erzählkunst ist die Geschichte der Insel selbst. Die Haitianer sind ein aus der Sklaverei geborenes Volk, zusammengeraubt aus allen Kulturen Afrikas. Auf den Zuckerrohrplantagen entstand die Sprache Kreolisch, die Religion Voodoo – und die Erzählkunst lodyans.
Zwei lodyans-Bücher von Anglade sind auch in Deutschland erschienen, seine Satire „Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?“ und sein wunderschöner Erzählband „Das Lachen Haitis“. Dieses Lachen, sagt Anglade, sei der Schlüssel zur lodyans und zum Verständnis einer leidgeprüften Insel:
Anglade (Overvoice): „Ich sah Leute aus dem Verhörgefängnis kommen, und sie haben gelacht. Es ist ein Lachen, das schon die Sklaven hatten. Die Haitianer schaffen so eine große Distanz zu sich selbst und den Dingen, die ihnen widerfahren. Dieses Lachen ist unsere Erzählhaltung – es macht sich gleichzeitig über die Geschichte lustig und über den, der sie erzählt. Aus diesem Geist entstand unsere Erzähltradition, das Lachen Haitis. In unserer derzeitigen Lage gibt es eigentlich überhaupt keinen Grund zu lachen. Und trotzdem lachen alle.“


(Bayerischer Rundfunk, Bayern2, Kulturwelt, 28.10.2009, Hendrik Heinze)

 

 

 

Zu Louis-Philippe Dalembert: „Jenseits der See“

Auszüge aus der Rezension von Andrea Pollmeier, Literaturnachrichten Frühjahr 2009

Der Horizont, die Linie, an der „Himmel und Erde zusammenkommen“, ist nicht selten Projektionsziel von Träumen und Hoffnungen; das ist weltweit so. Louis-Philippe Dalembert hat diese Empfindung zum Ausgangspunkt seines Romans „Jenseits der See“ gemacht und seine Erzählung von genauen geographischen Koordinaten befreit. Weder Zeit noch Ort werden in diesem Roman, der doch eindeutig die Zeitgeschichte Haitis wiedergibt, beim Namen genannt.
Die indirekte Art, von einem und vielen Orten gleichzeitig zu erzählen, gibt dem Roman […] seinen überzeugenden und außergewöhnlich kraftvollen Ton. Auch die Erzählerin Grannie, die rückblickend ihren Lebensweg nachzeichnet, ist in dieses Konzept subtiler Verallgemeinerung eingebunden. Die klar denkende, dem Tod entgegengehende Großmutter übermittelt ganz im Sinne der in Haiti noch präsenten mündlichen Erzähltradition historische Erfahrung als erlebte Wahrheit und verbindet diese mit ihrer Lebensweisheit. Am eigenen Leib hat sie die Geschichte Haitis erlebt, die Narben von der Flucht zurück über den „Massakerfluss“ trägt sie noch an ihrem Körper. […].
Die Sehnsucht in die Ferne, die zu Beginn geschildert wird, ist nicht nur ein Jugendtraum der Ich-Erzählerin. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch den aus vier Erzählebenen zusammengefügten Roman. […] In der Erzählpassage „Die Stadt“, die nun aus der Perspektive von Grannies Enkel Jonas geschildert wird, rücken die Ereignisse nah an die Gegenwart heran. Jonas erlebt hautnah die zunehmende Verrohung des Volkes. […].
Schritt für Schritt zeigt Dalembert, der in Paris Journalismus und Literatur studiert hat, wie sich Haiti innerhalb der Lebensphase einer Person verändert hat. Die Kontraste, die zu Beginn der Erzählung und zum Ende hin sichtbar werden, sind ein erschütterndes Zeugnis von der Zerstörung dieser Gesellschaft.

 

Auszüge aus der Besprechung von Gert Eisenbürger in ila 321 (Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika e. V.) vom Dezember 2008/Januar 2009

In „Jenseits der See“, dem zweiten Roman Dalemberts, geht es um Migration – gewaltsam erzwungene oder (vermeintlich) freiwillige. Seit im 16. Jahrhundert die ersten Schwarzen aus Westafrika deportiert und zur Zwangsarbeit auf die Insel Hispaniola verfrachtet wurden […], sind die HaitianerInnen ein Volk von MigrantInnen. […]
Im ersten und letzten der drei Oberkapitel von „Jenseits der See“ erzählen die Großmutter Grannie und der Enkel Jonas die Geschichte ihrer Familie, etwa seit dem Jahr 1937. Damals entschied Grannies Vater, mit seiner Familie auf die andere Seite des Gebirges (in die Dominikanische Republik) zu gehen. Die elenden Arbeits- und Lebensbedingungen auf den Zuckerrohrplantagen des Nachbarlandes […] führen schnell zur Desillusionierung. Doch bevor sich die Familie Gedanken über die Zukunft machen kann, beginnen die Massaker. Wie Tausende andere fliehen sie Hals über Kopf in Richtung Haiti. […] Zurück in Haiti geht es ihnen zunächst ganz gut, doch im Laufe der Zeit wird die Duvalier-Diktatur immer unerträglicher. Immer mehr Leute verlassen das Land, obwohl die Ausreise ein gefährliches Unterfangen ist. […]. Das Weggehen so vieler zerreißt Familien und Beziehungen. Grannie verfolgt den Exodus ihrer Verwandten und Nachbarn voller Trauer. Jonas fällt in tiefe Verzweiflung, weil auch seine große Liebe Maité Haiti in Richtung USA verlässt. […]
Neben den Berichten der Großmutter Grannie und ihres Enkels Jonas hat das Buch noch zwei weitere Ebenen. Im vergleichsweise kurzen Mittelkapitel schildert ein Erzähler einen Tag im Leben des erwachsenen Jonas im Port-au-Prince der Jetztzeit, das von Gewalt und Verzweiflung geprägt ist.
Zudem wird in Einschüben, die das gesamte Buch durchziehen, ohne Punkt und Komma die Überfahrt eines Sklavenschiffes von Afrika nach Saint Domingue geschildert, […]. „Jenseits der See“ verlangt den LeserInnen einiges ab. Aber es lohnt sich!
[…]
Dalembert ist ein großartiger Erzähler, der seine Themen in packenden Geschichten verarbeitet. Er will die LeserInnen nicht schockieren, Gewaltdarstellungen, vor allem in „Jenseits der See“, sind kein Selbstzweck, sondern Ausdruck der brutalen Realität, mit der die HaitianerInnen konfrontiert sind. Für mich ist Dalembert die literarische Entdeckung der letzten Jahre. Ich empfand „Jenseits der See“ als das stärkste der bislang übersetzten Bücher.

 

Auszüge aus der Rezension von Gaby Mayr, Forum Buch, SWR2, 17.5.2009

MODERATORIN: Haben Sie schon einmal ein Buch aus Haiti gelesen? Wahrscheinlich nicht, oder doch? Haitianische Literatur gibt es in Deutschland kaum; nur ein kleiner Verlag kümmert sich intensiv um Literatur aus Haiti, und das ist der litradukt-Verlag aus Kehl. Er bringt seit einigen Jahren außergewöhnlich gute und auch außergewöhnlich gut übersetzte haitianische Bücher heraus, die meistens auf Französisch geschrieben wurden. Louis-Philippe Dalembert ist einer dieser Autoren, und von ihm liegt nun ein neuer Roman vor. Er heißt „Jenseits der See“, und davon handelt er auch. Von der ewigen Unruhe der Haitianer, die ja fast alle von afrikanischen Sklaven abstammen, und ihrer unstillbaren Sehnsucht nach einem Land hinter dem Wasser. Früher war das Afrika, heute sind es die USA. Dalembert erzählt zwei Geschichten. Die der Großmutter Grannie, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Port-au-Prince aufwächst, und die ihres Enkels Jonas. Und wenn man es genau nimmt, erzählt Dalembert sogar noch eine dritte Geschichte, denn fünfzehn Mal fügt er, sprachlich und grafisch abgesetzt, kurze Schilderungen aus den Bäuchen der Schiffe ein, in denen vor gut dreihundert Jahren Afrikaner wie Vieh in die Neue Welt geschafft wurden. „Jenseits der See“ ist ein harter aber guter Roman, urteilt unsere Kritikerin Gaby Mayr.

SPRECHERIN: […] Haiti war das erste Land, das seine Unabhängigkeit nach einer Revolution von Sklavinnen und Sklaven erlangte, die aus Afrika in die Karibik verschleppt worden waren. Das war im Jahr 1804. Die Sklaverei spielt auch eine wichtige Rolle im Roman „Jenseits der See“ des haitianischen Schriftstellers Louis-Philippe Dalembert:
[…]
Die in 15 kurze Stücke zerlegte Beschreibung eines Sklaventransportes über den Atlantik ist in die eigentliche Romanhandlung eingefügt. Es sind streng durchkomponierte Passagen, ohne Zeichensetzung, in Kleinschreibung, ohne dass die Menschen einen Namen oder ein Gesicht bekämen - eine Chronologie des Grauens.
[…]
Haitianische Literatur nimmt häufig Bezug auf die Sklaverei - das ist kaum überraschend, denn die meisten Bürgerinnen und Bürger des Landes sind Nachfahren von Sklaven. […] Die eigentliche Handlung des Romans „Jenseits der See“ ist mehr als einhundert Jahre nach der erfolgreichen Revolution, also im 20. Jahrhundert angesiedelt. Der Atlantik spielt - wie beim Sklaventransport - eine wichtige Rolle. Denn Haiti liegt auf der Karibikinsel Hispaniola, wo Columbus einst landete. Tausende Kilometer Ozean trennen Haiti von Europa und Afrika. Zum amerikanischen Kontinent ist es dagegen nur ein Katzensprung.
[…]
Grannie, die Großmutter, hat Fernweh. Ein Fernweh, das sie schon als Mädchen kannte.
Der Autor Louis-Philippe Dalembert folgt Grannies Leben durch die Jahrzehnte: Bei ihren Erinnerungen schimmert bisweilen Wehmut durch, Trauer über die vielen Menschen, die Haiti den Rücken gekehrt haben. Meist aber erscheint sie als tatkräftige Frau, der Schalk sitzt ihr im Nacken. Dalembert gelingt es allerdings nicht durchweg, die Großmutter glaubhaft zu zeichnen: Er vergisst schon mal, dass seine Protagonistin eine alte Frau ist und es nicht passt, wenn sie denkt und redet wie ein Kerl.
In einem kurzen Mittelteil begleitet der Autor ihren Enkel Jonas bei einem Gang durch die verrottete, Gewalt geladene Stadt. Mit enormer sprachlicher Intensität verleiht Louis-Philippe Dalembert dem Verfall und Ekel Ausdruck:
[…]
SPRECHERIN: Im letzten Teil des Romans übernimmt Jonas die Rolle des Erzählers. Die Motive "Abschied" und "Verfall", die wir schon von der Großmutter kennen, bekommen bei dem jungen Mann einen bittersüßen Klang, wenn er vom Aufblühen und dem Ende seiner ersten Liebe erzählt. Aber auch bei Jonas ist der Autor nicht konsequent bei der Gestaltung seiner Figur: Wenn der Junge über Ehefrauen und Mätressen sinniert, klingt das doch sehr nach einem allzu bekannten Motiv männlicher Schriftsteller aus dem südlichen Amerika.
Unverändert bleibt bei Oma und Enkel der Blick aufs Meer – die Blickrichtung jedoch ändert sich: Man schaut nicht länger nach Afrika und Europa, sondern nach Nordamerika, wo viele Haitianer ihr Glück suchen.
Die lebensnahen Szenen aus dem haitianischen Alltag voller Armut und politischer Unterdrückung - die immer spürbar ist, ohne dass die Schergen der Macht jemals leibhaftig auftreten - mündet schließlich in eine apokalyptisch-fiktive Massenflucht von Hunderttausenden übers Meer Richtung Westen. Aber das Land der Träume lässt seine Truppen gegen die Habenichtse aufmarschieren:
[…]
Jonas’ Vorfahren kamen in Sklavenschiffen übers Meer, Jonas wird sein Geburtsland übers Meer verlassen. Haiti ist kein Ort zum Bleiben - daran lässt Louis-Philippe Dalembert in seinem packenden, aber alles andere als leicht verdaulichen Roman „Jenseits der See“ keinen Zweifel.




 

 

Zu Louis-Philippe Dalembert: „Gottes Bleistift hat keinen Radiergummi“

 

Auszüge aus der Besprechung von Hans Christoph Buch, FAZ vom 4.2.2009

Aus anderem Holz geschnitzt ist der Roman "Gottes Bleistift hat keinen Radiergummi" von Louis-Philippe Dalembert, der Haiti in jungen Jahren verließ und als nomadisierender Schriftsteller in Paris ebenso wie in Rom und Tel Aviv zu Hause ist. Die im Roman geschilderte Rückkehr aus dem Exil wird zur Suche nach der verlorenen Kindheit auf den Spuren eines väterlichen Freunds, der von Beruf Schuhputzer war und sich Faustin I. nannte - in Anlehnung an den gleichnamigen Kaiser Haitis um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. […] Der soziale Abstieg vom Imperator zum Clochard drückt den Niedergang Haitis, das im Roman Salbounda (Dreckloch) heißt, von der Perle der Antillen zum Hinterhof der Karibik aus. Die Ironie liegt darin, dass der frühere Kaiser nach seiner Rückkehr aus dem Exil im Hafenviertel von Port-au-Prince verschüttging, wo sein Wiedergänger als Schuhputzer arbeitet und die Erinnerung an Haitis glorreiche Vergangenheit mit Alkohol betäubt.

Die Devise von Faustin I., "Bajonette sind aus Eisen, Verfassungen aus Papier", hatte auch für dessen diktatorisch regierende Nachfolger Gültigkeit, insbesondere für "Papa Doc" Duvalier, im Roman "Der Ehrenwerte" genannt […]. Schon damals schien es, als sei der Tiefpunkt erreicht, doch erst nach dem Sturz der Diktatur ging das Land den Bach hinunter, buchstäblich und nicht im übertragenen Sinn: […]. Haiti rangiert am unteren Ende jedweder Statistik, wie der Autor ohne erhobenen Zeigefinger und ohne selbstgerechte Empörung konstatiert, in einer poetischen Prosa, die dem großen Gedicht von Aimé Césaire "Cahier d'un retour au pays natal" näher steht als der "Recherche" von Proust: "Sie hatten die letzte Kurve ihres Menschenweges genommen. Sie mussten das Licht nicht löschen, denn es gab keins. Vielleicht hatte es in ihrem Leben niemals eins gegeben. Sie mussten auch die Tür nicht schließen, es gab nichts zu stehlen in diesen Baracken, die über keine Tür verfügten. Sie waren einer nach dem anderen gegangen. Ohne eine Adresse oder eine Nachricht zu hinterlassen ..."



Auszüge aus der Besprechung von Gert Eisenbürger in ila (Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika e. V.) vom Dezember 2008/Januar 2009

In „Gottes Bleistift hat keinen Radiergummi“, dem 1996 im französischen Original erschienenen ersten Roman Dalemberts, beschreibt der im Ausland lebende Ich-Erzähler einen Besuch in Salbounda (Haiti) auf den Spuren seiner Kindheit. Er hat keine Angehörigen mehr in dem Land, seine Eltern starben, als er noch ein Säugling war, die Großmutter, bei der er aufwuchs, lebt nicht mehr. So hofft er, wenigstens den Schuhputzer Faustin, der eine Art Ersatzvater für ihn war, wiederzufinden. Doch in der Straße im Hafenviertel von Port-aux-Crasses (Port-au-Prince – „crasse“ bedeutet Dreck), in der er seine frühe Kindheit verbrachte, trifft er keine bekannten Gesichter, und niemand der aktuell dort Lebenden kann sich an einen Schuhputzer namens Faustin erinnern. […] Er beschließt, die Suche nach seinen Wurzeln aufzugeben und die Tage bis zu seinem Rückflug in seinem Hotelzimmer zu verbringen. Und dort findet er in seinen Träumen und Erinnerungen, was er auf der Straße vergeblich gesucht hat, seine verlorene Kindheit. Er denkt zurück an seine ebenso resolute wie großmütige Großmutter mit dem Spitznamen Pont-d'Avignon und all die anderen, die die Straße am Tage und vor allem nach Einbruch der Dunkelheit bevölkerten: ambulante HändlerInnen, großmäulige Schuhputzer, obdachlose TagelöhnerInnen, Trunkenbolde. Sie bildeten den Mikrokosmos seiner Kindheit, bestimmten seine Sicht der Welt. Auch Faustin kehrt in der Phantasie zurück, der Erzähler beginnt dessen Biographie zu imaginieren – wie er als Jungvermählter aus seinem Dorf in die Stadt kam, dort verzweifelt versuchte, Fuß zu fassen, wie seine schwangere Frau ins Dorf zurückkehrte, er aber aus Scham in der Stadt blieb, schließlich als versoffener Schuhputzer im Hafenviertel strandete und weiter davon träumte, es doch noch zu schaffen und seine Frau und Tochter in die Stadt zu holen.
Auch wenn er die Welt mit den großen staunenden Augen des kleinen Jungen erzählt, für den die Typen aus dem Hafenviertel keine verelendeten Obdachlosen waren, sondern die Helden seiner Wirklichkeit, hat die Darstellung nichts Idyllisches. Gewalt ist allgegenwärtig, die Repression des Duvalier-Regimes entgeht auch dem Kind nicht, die Erschießung von Aufständischen, bei der selbst die GrundschülerInnen der Hauptstadt mit ihren LehrerInnen erscheinen müssen, wird zu einem traumatischen Erlebnis. Aber trotz allem erinnert sich der Erzähler mit großer Wehmut an seine ersten Lebensjahre in Port-aux-Crasses und vermittelt dies auch den LeserInnen. In wohl keiner anderen Region werden so viele faszinierende Romane über die verlorene Welt der Kindheit geschrieben wie in der englisch- und französischsprachigen Karibik. „Gottes Bleistift hat keinen Radiergummi“ ist einer der schönsten.

 

 

Zu Louis-Philippe Dalembert: „Die Insel am Ende der Träume“

 

Auszüge aus der Besprechung von Lutz Bunk, Deutschlandradio Kultur, Radio-Feuilleton vom 26.12.2007

Ein Roman voller Überraschungen.

„Die Insel am Ende der Träume“ ist ein vordergründig fast humoristischer Thriller mit einem Augenzwinkern […]. In diesem „Schelmenroman geht es nicht um Action; da wird eher traditionell erzählt, der Leser in eine Stimmung wie in einem Graham Greene-Roman versetzt.

„Die Insel am Ende der Träume“ bietet schnurrige Unterhaltungsliteratur, die aber auch ihren politischen und gesellschaftskritischen Aspekt hat, und obwohl da der Roman auch „zubeißt“, bleibt das Buch trotzdem ein Gute-Laune-Buch, eine Art Schelmenthriller mit einem märchenhaften Ende.



Auszüge aus der Rezension von Ute Hempelmann in "Fundstückchen", NDR Kultur vom 10.12.2007

Wie leicht ist es doch, der Welt den Rücken zuzukehren: Lesen, umblättern und schon ist man mittendrin in einer abenteuerlichen Geschichte....
Genüsslich zieht der Autor alle Register der Seefahrerromantik: Sturm, Schiffbruch - doch plötzlich.... Glaubst Du wirklich an naive Abenteuergeschichten? scheint Dalembert den Leser zu fragen.
[...]
Und so endet das Buch, das als Abenteuergeschichte beginnt, im Hier und Jetzt. Glücklicher Jim Hawkins! Vorbei die Zeiten, als das Finden eines Schatzes die Erfüllung menschlichen Daseins war. Moderne Abenteuergeschichten sind komplizierter. Dafür zeitgemäß. Wenn Autoren von Dalemberts Qualität sie schreiben.

 

 

Zu Kettly Mars: „Fado“

 

Es heißt, der Fado sei ein melancholischer Gesang, eine Hymne an die Verzweiflung. Traurigkeit sucht man in dieser Erzählung jedoch vergeblich, obwohl sie den Titel „Fado“ trägt. Es gibt dort zwar Bitterkeit und auch Wut, vor allem aber Energie, Rhythmus, Seiten von mitreißender Poesie und kurze Sätze, die man singen könnte, so viel wollüstige Musikalität steckt in ihnen. Die Geschichte beginnt schlecht für Anaïse: Diese fast vierzigjährige Frau mit dem zerbeulten Leben will und kann kein Kind bekommen. Dies ist vermutlich der Grund, warum ihr Mann sie für eine junge Geliebte verlassen hat, die, kaum dass sie sich kennengelernt haben, bereits schwanger ist. Anaïse unternimmt daraufhin eine außergewöhnliche Wandlung: Sie wird zu Frida und verkauft ihren Körper in der Unterwelt von Port-au-Prince, wo sie ihre verdrängte Sinnlichkeit, ihre Phantasien und Sehnsüchte entdeckt.
Kettly Mars hat den Roman der Wiedergeburt geschrieben: Man verliert sich in der Haut einer anderen, um sich besser wiederzufinden.
(Mohammed Aïssaqui, „Le Figaro Littéraire“ v. 26.06.2008, aus dem Französischen von Peter Trier)

 

 

 

Zu Gary Victor: „Der Blutchor“

 

Auszüge aus der Besprechung von Gert Eisenbürger in ila (Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika e. V.)

Einen ganz anderen Stil als Louis-Philippe Dalembert pflegt der 1958 geborene Gary Victor, von dem im litradukt-Verlag der Erzählungenband „Der Blutchor“ erschienen ist. Wäre Victor kein Haitianer, sondern ein alter britischer Herr, würden die meisten seiner Erzählungen das Etikett „skurril“ tragen. Etwa die von dem hohen Regierungsbeamten, dem urplötzlich ein Schwanz wächst. Oder die über den seiner Ehefrau überdrüssigen, wohlhabenden Bürger, dessen Schäferhund eines Nachmittags mit einer menschlichen Hand im Maul vom Nachbargrundstück kommt. Dann natürlich die über die Verwandlung eines US-amerikanischen Besatzungsoffiziers, der sich – für ihn fatalerweise – mit einem Voodoo-Priester angelegt hatte.
Doch diese satirische Überzeichnung kennzeichnet nicht alle Texte des Buches. Die drei längsten Erzählungen sprechen eine ganz andere Sprache. […]
Victors Erzählungen sind beunruhigend. Das gilt sowohl für die eher lustig-skurrilen als auch erst recht für die, in denen der Schrecken von Anfang an spürbar ist. Sie zeigen seelische Abgründe hinter den Fassaden von Wohlanständigkeit und geordneten Verhältnissen. Anders als bei Dalembert, wo die Gewalt von außen in das Leben der ProtagonistInnen tritt, ist sie bei Victor eine Konstante im menschlichen Zusammenleben



Auszüge aus der Rezension von Gerd Blase (Literatur der Welt – Teil 11, Rhein-Zeitung vom 7.1.2009)

Grotesker Blick auf Haiti

Es ist nur der Anfang eines Satzes in einer seiner kleinen Geschichten, aber er könnte durchaus für das gesamte Werk von Gary Victor stehen: „Wenn der Irrsinn derart raffiniert wird, dann hat er beim Realen angeklopft...“ In der Tat ist der zu Papier gebrachte Irrsinn eines der meistgelesenen Autoren Haitis von höchster künstlerischer Raffinesse – und er klopft laut an die Realitäten seiner Heimat. Das Bändchen „Der Blutchor“ bietet mit seinen neun Erzählungen eine Kostprobe davon.
[…]
Franz Kafkas Einfluss auf die Groteske „Corneille Soissons Schwanz“ ist nicht zu überlesen, doch Gary Victor macht mehr aus seiner „Verwandlung“. Gerade mal 13 Seiten genügen ihm, um beinahe schon einen kleinen Roman zu schreiben über Seilschaften, Korruption und Politik. […]
Kaum eines von Victors kleinen Prosastücken lässt sich als realistische Erzählung lesen. Der Autor schöpft aus der internationalen Märchenwelt, dem Voodoo, griechischer Mythologie und Rabelais „Gargantua“. Dennoch erzählt er immer von Haiti. […]

Seine Werke sorgen immer wieder für Aufregung, er gilt als subversivster Autor des Landes. […]
Jenseits davon aber lassen sich seine dichten und fein formulierten Fabeln und Parabeln um einen Pakt mit dem Teufel, einen geständigen Vatermörder und eine machetenschwingende Ehefrau auch als Meisterstücke der Weltliteratur lesen: Blutig sind sie, vom Wahnsinn beleckt und zugleich ungeheuer komisch – ein grausiges Vergnügen eben.

 


 

Zu Abdourahman A. Waberi: „Schädelernte“

 

Auszüge aus der Besprechung im Tagblatt (Schweiz) vom 24.11.2008

Interessiert es noch, warum in Ruanda im Frühling 1994 in 100 Tagen über 800 000 Menschen massakriert worden sind (…)? Der aus Djibuti stammende Autor Abdourahman A. Waberi beantwortet die Frage in seinem schmalen Band «Schädelernte» nicht. Er zwingt seinem Publikum nur weitere Fragen auf. Und dann gibt er Antworten auf Fragen, die niemand stellen wollte. Das Buch stört verstörend. Unklassifizierbar zwischen Fiktion und Reportage oszillierend, zeigt es ein Abbild, das nichts erklärt – nur klarmacht, dass das Unerklärliche erschreckend verständlich ist: Unmenschlich menschlich. (…) Und dann krampft sich im Kopf und im Herzen die Erkenntnis Bahn, dass die Toten aus dem Genozid in Ruanda «für immer in den Blutbahnen der Erde kreisen (…) und sich manchmal an den Mauern unserer Ohren und Augen den Kopf einrennen.» Fern, ganz nah. (W.Br.)







Impressum