Und Wenn Haiti Den USA Den Krieg Erklaert
I Der blaue Engel
„Und wenn Haiti den USA den Krieg erklärt?“ Die Frage tauchte urplötzlich am zehnten Tag des Irakkriegs auf. Am 29. März 2003. Hervorgesprudelt wie ein schwarzer Spermastrahl aus den Eingeweiden einer Ölquelle unter hohem Druck. In Port-au-Prince war es die Frage der letzten Chance. Die zu Ende gehende Trockenzeit hatte alles sonnengelb gebrannt. Tiere und Pflanzen blickten starr zum Himmel in der Hoffnung auf ein Zeichen oder sonst irgendetwas von oben, seien es auch Bomben oder gar Fallschirmjäger. Eben irgendetwas, damit das Treten auf der Stelle aufhörte, von dem man wahnsinnig wird, wenn es sich ewig in die Länge zieht. Auch die Menschen hatten alles zu gewinnen und nichts zu verlieren, denn das letzte Mittel konnte nur vom Himmel kommen. Aber wählerisch sein kam nicht in Frage, man nimmt, was runterkommt, mitsamt den dazugehörigen Kollateralschäden. Irakkrieg ist Irakkrieg.

In den zehn Tagen war klar geworden, dass es ein schmutziger Krieg werden würde, so schmutzig wie alle Kriege, und dass es noch niemals saubere gegeben hatte. Schläge unter die Gürtellinie, die man austeilte und schnell vergaß, und Schläge unter die eigene Gürtellinie, an die man sich lange erinnerte. Ein kurzer Krieg möglicherweise, aber mit Sicherheit ein langer Schlamassel, in dem man lange feststecken würde. Man würde jahrhundertealte Streitigkeiten schlichten, allen zweimal täglich zu Essen geben, immer alles und jedes und vor allem das Schlimmste unter jeder Dschellaba und jedem Boubou befürchten müssen, ohne dass man deswegen allgemeine Nacktheit anordnen konnte. Man würde ein ganzes besiegtes Volk überwachen müssen, und dieses würde in Genf auf einmal entdecken, dass es verbriefte Rechte besaß, Rechte, von denen es sich unter der Diktatur Saddams niemals hatte träumen lassen, nicht einmal in seinen kühnsten Träumen. Am zehnten Tag war alles vollzogen und kein Fernseher musste mehr rund um die Uhr laufen. Nein, hingerissen oder betrübt, aber das, was es sonst noch aus dem Irak zu sagen und zu hören gab, konnte bis zu den üblichen Nachrichten warten oder ins normale Programm eingeschoben werden.
Und dann war da die andere Gruppe vor denselben Bildschirmen, die nur Augen und Ohren für die ausgewogenen Ernährungsrationen des WFP, des Welternährungsprogramms, und für die arbeitsplatzträchtigen Wiederaufbauverträge hatte: endlich Arbeit für alle nach einem Leben in Arbeitslosigkeit. Ganz zu schweigen von den ressourcenstrotzenden humanitären Organisationen, die eine Lawine von Schul- und Krankenhausbauten niedergehen lassen würden, der EU mit ihrem dicken Portemonnaie, die das gelockerte soziale Gefüge wieder festzurren, und dem Nichtregierungssektor, der, mit Mitteln reichlich ausgestattet, alles Unverträgliche unter einen Hut und alles ziellos Herumschweifende auf Kurs bringen würde. Was für eine Goldgrube! Und für all das brauchte man nur einen kleinen Krieg gegen reiche Bekehrungswütige wie die Amerikaner zu verlieren, denn es gibt nichts Schlimmeres, als einen Krieg gegen kleinliche und knauserige Nationen zu verlieren, wie es so oft Völkern geschieht, denen das Glück nicht hold ist. Read on my lips. Sie müssen zugeben, dass das schon dazu angetan war, dieser weder hingerissenen noch betrübten, sondern einfach nur ausgehungerten und verarmten Mehrheit von Fernsehzuschauern, die sich nur noch extremen Hoffnungen hingeben konnte, den Mund wässrig zu machen. Und wenn Ihnen als Gutmenschen, bevor sie dies hier gelesen haben, noch nie in den Sinn gekommen ist, dass neunhundertneunundneunzig Tausendstel der Menschheit möglicherweise davon träumen, dass ihre Regierung einen beschissenen Krieg wie diesen verliert, um endlich ihren Kindern etwas zu essen geben, sie auf die Schule schicken und ärztlich behandeln lassen zu können, um nicht mehr massakriert zu werden und nicht mehr unter entsetzlichen Qualen zu sterben – dann welcome hinter Ihrem Spiegel. Auf der Seite der Völker.
Die Idee mit diesem Krieg, den Haiti den USA erklären würde, war also unter dem Stapel von all dem Zeug entsprungen, das sich in zehn Tagen aufgehäuft hatte. Und wie bei allen neuen Ideen, die in der Lage sind, grässlichen Hunger zu stillen, musste man sich beeilen, damit sie einem nicht gestohlen wurde. Der Wettbewerb könnte hart werden, so zahlreich waren die Kandidaten in verzweifelter Lage, mit kaschierten Hungersnöten, zerstörten Infrastrukturen und verbotenen Hoffnungen, denen nur ein ppp-Krieg made in USA Aussicht auf das Manna verleihen könnte, das gleich nach den Bomben vom Himmel fallen würde. Allerdings musste man dafür einen Krieg ermöglichen und ihn so verlieren, wie es sich gehört, nämlich jubelnd. So verlangt es dieser Sieger, der kein großes Talent für den Umgang mit den verletzten Seelen der Besiegten besitzt. Und dann würde es endlich zur Kasse gehen.
An diesem Samstagmorgen des zehnten Tages saßen sich Magritte und Grant auf der Terrasse des Ange Bleu gegenüber der Kirche Sacré-Coeur de Turgeau gegenüber. Beide taten so, als konzentrierten sie sich auf eine Schale dicken heißen Kakao mit ein wenig Milch, die Spezialität des Hauses, so dass von ihrem Gespräch nichts zu hören war, nicht einmal die leiseste Änderung der Stimmlage. Die Chefin, die ein Mariengelübde abgelegt hatte und sich daher in Blau kleidete, behauptete, dass ihr Kakao im Himmel von den Engeln als Begrüßungstrunk gereicht werde. Daher der Name Ange Bleu, Blauer Engel, ein Name, ersonnen für einen schicken Salon mit lokalen Gebräuen und feinen französischen Patisserien. Namen sind in Haiti niemals einfach, und der volkstümliche Witz hatte bald durchschaut, welches doppelte Geheimnis hinter diesem hier steckte, und die Fassade des Lokals mit blauen Graffitis in Form von Rauten in Kakaotassen verziert. Als gute Christin und versierte Geschäftsfrau, welche ihr Gewerbe gegenüber der Kirche betrieb, hatte die Chefin sehr gut begriffen, welchen Vorteil sie daraus ziehen konnte, dass ihr Kakao mit Viagra assoziiert wurde, zumal ihre Kundschaft ältere bürgerliche Herren aus den benachbarten vornehmen Vierteln Turgeau, Babiole und Pacôt waren… Sie beklagte sich bei ihren Kunden tagelang mit koketter Schnute über diesen schmeichelhaften Vandalismus, den sie nie entfernen ließ. Nach einer Weile verdächtigte man sie, Urheberin der Graffitis zu sein.
Wäre Magritte nicht im Einsatz gewesen, hätte sie nicht mit Grant im Ange Bleu sitzen können, aber nichts verbot ihr, dies für ihre Geschäfte auszunutzen, und Grant musste einfach noch am selben Abend eine ausführliche Notiz über das Treffen zwischen dem amerikanischen Botschafter in Haiti und der „Mutter aller Schlachten“ im angesagtesten Salon von Port-au-Prince an das State Department kabeln. In dieser winzig kleinen Welt kam das einer Pressekonferenz gleich. Am Turm von Sacré-Coeur schlug es acht Uhr morgens, als die zwei auseinandergingen. Sie wussten beide aus Erfahrung, dass sie nur einige kurze Stunden Vorsprung hatten, um persönlichen Profit aus den sich ankündigenden Ereignissen zu schlagen; danach würde der Massenansturm losgehen.
*) Mit PPP werden in Haiti die Petits Projets de la Présidence bezeichnet, am Staatshaushalt vorbeifinanzierte Regierungsprojekte während der Präsidentschaft von Jean Bertrand Aristide, die für das hohe Defizit mitverantwortlich gemacht werden. Ansonsten steht PPP aber auch für Partenariat Public-Privé (Öffentlich-private Partnerschaft).
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