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Louis-Philippe Dalembert

Die Götter reisen in der Nacht

Inhalt

Wie kann man “von der Insel” stammen und trotzdem kaum eine Ahnung vom Voodoo haben? Diese Frage muss sich der Erzähler stellen lassen, als er sich bei einer Zeremonie blamiert. Schuld daran ist seine streng protestantische Großmutter, bei der er aufgewachsen ist und die ihn von solchem “Teufelszeug” ferngehalten hat. Die Neugierde des Jungen stachelt das nur an: Warum lässt seine Tante ein Festmahl vergraben? Was steckt hinter der Krankheit und der wundersamen Heilung seines Onkels. Wie vollzieht sich eine “Rückkehr nach Guinea”? Um endlich nicht mehr als das “Unschuldslamm” zu gelten, über das sich alle lustig machen, plant er einen großen Befreiungsschlag … Die Sicht des Kindes, seine Fragen und Ängste, gehen in die des Erwachsenen über, der seine Erinnerungen Revue passieren lässt.

Ein amüsanter Roman in Dalemberts anspielungsreicher Sprache voll farbiger Gestalten und kreolischer Fabulierlust und eine Reise in eine hierzulande kaum bekannte Kultur. Hinter den spannenden und komischen Situationen scheinen immer wieder die Themen auf, die Dalembert besonders teuer sind: Das “Zeitenland” der Kindheit und seine Tabus, die Auseinandersetzung mit den eigenen Wurzeln, das Vagabundentum

Ausgezeichnet mit dem Preis der Casa de la Americas 2008

Autorenportrait

Louis-Philippe Dalembert, Lyriker, Romanautor, Literaturwissenschaftler und Journalist, wurde 1962 in Port-au-Prince geboren, hat die ersten 25 Jahre seines Lebens in Haiti verbracht, und durchstreift seither nach eigener Aussage als Vagabund die Welt (Nord- und Südamerika, Karibik, Afrika, Europa, den Nahen und Mittleren Osten). Er lebt heute zwischen Paris, Rom und Port-au-Prince. 2010 hielt er sich im Rahmen des Künstlerprogramms des DAAD in Berlin auf, 2014 in der Villa Waldberta bei München.

Leseprobe

Und wie du also an diesem Nachmittag zu Tante Venus hinüberschlenderst – zu irgendwas ist das Herumschlendern schließlich auch gut –, entdeckst du dort eine Tafel, die so üppig gedeckt ist, wie du es noch nie in deinem Leben gesehen hast: Brathähnchen, gegrillte Maiskolben, Schüsseln mit weißem Reis, Reis mit getrockneten Pilzen, Reis mit roten Bohnenkernen, geschmorte Ente, gedämpfte Auberginen,  Süßkartoffelkuchen, Limonade, echter Rotwein aus Frankreich, mit Sternen dekorierter Rum … Und das ist nicht alles, du entdeckst auch noch Verlockenderes, wie Schweinefleisch und Fische ohne Schuppen – Genüsse, die dir durch die sabbatfrommen Vorschriften deiner Großmutter verboten sind. Kurzum, ein unglaubliches Festessen ist da aufgetischt. Die Gäste würden bestimmt bald kommen. Der Clou aber ist eine weiße Cremetorte, über und über mit blauen, rosa und goldenen Zuckerkügelchen verziert, die in der Mitte des Tischs thront und
alle anderen Speisen hoch überragt. Vor lauter Staunen bleibt dir der Mund offen stehen und Speichel tropft heraus. Was treibst du hier? Tante Venus ist hinter dir aufgetaucht. Sie hat die Augen erschrocken aufgerissen. Trotz ihrer schweren Schritte hast du sie in deiner Verzückung nicht kommen hören. Verschwinde. Ich will mir von deiner Großmutter nicht in Zukunft anhören müssen, wir hätten uns an dir versündigt. Los, verschwinde. Aber du bietest ihr die Stirn. Weigerst dich zum ersten Mal in deinem Leben, einem Erwachsenen zu gehorchen. Kommt nicht in Frage, dass du ein solches Festmahl verpasst. Am Ende musst du nur deshalb das Feld räumen, weil die Nachbarn mit vereinten Kräften Tante Venus zu Hilfe eilen. Sie selbst schafft es nämlich nicht, dich zu packen. Du entschlüpfst ihr immer wieder. Denn sie muss ja ihre Brüste mit sich schleppen, die in alle Richtungen schwappen, und außerdem kommt sie schnell außer Atem. Du lässt sie im Hof ein paar Runden hinter dir herjagen, bis die Nachbarn dich schließlich ziemlich unsanft nach Hause geleiten. Wie einen Ausgestoßenen. Einen Unreinen. Noch schlimmer. Ein Unschuldslamm.

Du flüchtest dich ins Haus, voller Wut im Bauch, ohne eine Erklärung für das Verhalten von Tante Venus finden zu können, die es doch normalerweise immer so gut mit dir meint. Doch dein Leidensweg ist an diesem Tag noch nicht zu Ende. Ganz als hätte ein grausamer Gott seine Freude daran, dich Vielfraß einer harten Prüfung zu unterziehen. Ein paar Augenblicke später hörst du nämlich im Hof das Geräusch von Schritten. Als du daraufhin den Kopf durch die Tür steckst, siehst du Faustin, den Schuhputzer, unter dem Oleanderbaum knien; den Hintern zum Himmel gekehrt, der Oberkörper mal in dem Loch verschwunden, das er mit einer Machete gerade gräbt, mal wieder daraus auftauchend. Lange Zeit hast du geglaubt, dass der Boden rings um den Oleander als einzige Stelle im Hof nur deshalb nicht zementiert ist, damit die Wurzeln des Baums sich frei entfalten können und man ihn problemlos gießen kann. Und wenn Grannie sich alles Mögliche einfallen ließ, damit niemand den Baum anrührte, dann deswegen, weil sie anderen gern Angst einjagte. Einfach so. Grannie denkt sich eben gern alle möglichen Geschichten aus. Die wirkliche Erklärung ließ nicht lange auf sich warten. Als Faustin mit seiner Arbeit fertig ist, verschwindet er ins Haus, nur um kurz darauf mit einem Teil der Nahrungsmittel, die kurz zuvor noch auf dem Tisch gestanden haben, wieder herauszukommen. Direkt hinter ihm folgt Tante Venus, ganz in Weiß gekleidet, ein weißes Tuch um den Kopf gewickelt und mit einem blauen Seidenschal um den Hals. Sie trägt die Torte vor sich her, bei deren Anblick dir im Mund das Wasser überläuft. Der Speichel rinnt dir nur so herunter. Iota und Ella beschließen die Prozession mit einem riesigen Tablett, auf dem die restlichen Speisen prangen. Es ist noch hell genug, dass du sehen kannst, wie Grannies ältere Schwester am Fuß des Oleanders dreimal aus einem kleinen Topf Wasser versprengt. Wie sie die Torte wieder nimmt, die sie Faustin kurz überreicht haben, und sie allen vier Himmelsrichtungen darbietet. Wie die zwei Dienerinnen mit dem Tablett es ihr nachtun. Wie der Schuhputzer sich danach am Rand des Lochs, das er gegraben hat, hinkauert, sich auf einer Hand abstützt und mit der anderen feierlich die Speisen, die Iota ihm eine nach der anderen reicht, darin verschwinden lässt. Schließlich bedeckt er das Ganze mit Erde und stellt darauf eine bereits angezündete Sturmlaterne ab.

Was du siehst, überwältigt dich dermaßen, dass du nicht hörst, wie Grannie nach Hause kommt. Sie zerrt dich aufs Bett und knallt wütend die Tür zu. Dass ich dich nie mehr dabei erwische. Nicht bei solchem Teufelszeug. Hörst du? Nie mehr! Wenn ich doch bloß das Geld zusammenbrächte, murmelt sie, um von dem Hof hier wegzuziehen. Das bescheidene Häuschen, das ihr bewohnt, gehört nämlich Tante Venus, die von Grannie dafür eine lächerlich niedrige Miete verlangt. Seit vielen Jahren hofft Grannie nun schon darauf, dass sie endlich genug Kohle hat, um sich vom Acker zu machen. Aber das Geld wächst nicht auf den Bäumen oder wenn, dann jedenfalls so weit oben, dass der Arm einer alten Frau da nicht hinaufreicht. Deshalb auch die ständige unterdrückte Wut von Grannie. Die dir jetzt die Bibel in die Hand drückt und dann auf die Veranda hinausgeht, um dort Haferbrei fürs Abendessen zu kochen. An diesem Abend und an den folgenden Tagen vermeidet sie es, den Hof zu betreten. Mühsam schluckst du die Tränen hinunter, allein auf deinem Bett. Wenn du dich von ihr dabei erwischen lässt, wie du heulst, dann bekommst du die doppelte Tracht Prügel. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Du kapierst beim besten Willen nicht, warum Tante Venus dir von dem Essen nichts gegeben hat. Wenn es danach sowieso nur für die Ameisen war. Und so viel können die doch gar nicht vertilgen! Die Torte verfolgt dich in deiner Kindheit viele, viele Nächte lang. Mit ihren blauen und rosa Zuckerkügelchen. Ihrem Zuckerguss, weiß wie Schnee. Du bedauerst es, dass Grannie keine Anhängerin dieser Religion ist, wo man mit Engeln ein so fürstliches Mahl teilt! Nächtelang träumst du nur davon. Die verbotene Frucht. Genauso wie es für dich an diesem Abend der Körper von Caroline ist, die weiter neben dir schläft, einen Schlaf, der seit ein paar Augenblicken etwas unruhig wirkt. Ihr Körper, den du so gern umarmen würdest. In dieser Nacht mehr als in jeder anderen. Weil du in dieser Umarmung etwas von dem Land wiederzufinden hoffst, das sich dir in deiner Kindheit verweigert hat. Und auch heute noch deine Annäherungsversuche zurückweist.

Pressestimmen

Süddeutsche Zeitung, Cornelius Wüllenkemper

Louis-Philippe Dalembert hat einen magisch pulsierenden Roman über die verlorene Mystik seiner Kindheit geschrieben.

Süddeutsche Zeitung, Cornelius Wüllenkemper, 25. Januar 2017

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