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Mérine Céco

Die Leben unter deinem

(Kaum jemand) hat es gewagt, jeden von uns als Leser über (...) Themen mit so starker generationenübergreifender Bedeutung zu befragen (...). Mérine Céco hat es in ihrem Werk getan, und diese Initiative ist zu begrüßen." Myrtho Ribal Rilos, montraydreyol.org
"Die Leben unter deinem" ist eine packende Mutter-Tochter-Geschichte über die bis heute fortwirkenden Verwüstungen der Sklaverei, die kaum bekannt und doch allgegenwärtig sind. Gaby Mayr, SWR
Als eine der ersten Autorinnen aus Martinique geht Céco dem Paradigma der vergewaltigten Weiblichkeit nach und der Interaktion von kolonialer Gewalt und dem durch Gewalt kontaminierten Geschlechterverhältnis, (...). (...) Mérine Cécos Roman wagt einen mutigen intersektionalen Blick in die verwundete antillanische Geschichte und Gegenwart. Natascha Ueckmann, ila 437/2020

Inhalt

Céline ist beruflich erfolgreich und wohnt mit Mann und Kindern in der “großen Metropole”. Ihr ruhiges Leben gerät aus den Fugen, als ihre älteste Tochter überraschend beschließt, mit einer NGO in “jenes Land” zu gehen. Ist ihre Wahl ein Zufall. Sollte die Tochter hinter ein Familiengeheimnis gekommen sein? Verdrängtes aus dem “Land der Kindheit” steigt wieder an die Oberfläche. Céline schreibt ihrer Tochter einen Brief, um sie über “die Leben unter deinem” aufzuklären.

Ein schonungsloses Buch über generationenübergreifende Traumata von Frauen, in dessen Mittelpunkt der karibische Mythos vom dorlis, einer Art Incubus, steht, welcher hier erstmals aus einer weiblich-feministischen Perspektive beleuchtet wird.

Autorenportrait

Mérine Céco, geboren 1970 auf Martinique, studierte Philosophie und Literatur, promovierte in Sprachwissenschaften und erhielt eine Professur an der Université des Antilles-Guyane, deren Rektorin sie wurde. Als solche klärte sie einen Finanzskandal auf. Die Vorgänge an der Universität, die sie auf den Antillen zu einer Berühmtheit machten und sie zeitweilig dazu zwangen, Polizeischutz in Anspruch zu nehmen, verarbeitete sie in dem Schlüsselroman Le talisman de la présidente (2018), der sie als Schriftstellerin bekannt machte. Mittlerweile lehrt sie an der Sorbonne. Weitere Werke sind La mazurka perdue des femmes couresse (2013, Prix Gilbert Gratiant) und Au revoir Man Tine (2016). Die Leben unter deinem (D’autres vies sous la tienne) erschien 2019 und ist das erste ihrer Bücher, das übersetzt wird.

Leseprobe

Ich wusste nicht, ob ich mit ihr sprechen sollte oder nicht. Es ist nicht einfach, heutzutage Mutter zu sein, man weiß nicht mehr, wo die Grenze zwischen Autorität und Komplizenschaft verläuft.
Ich wusste, dass sie weit weg von mir, in ein fremdes Land ging. Ich malte mir all die Gefahren aus, die auf sie lauern konnten, aber ich konnte mich nicht entschließen, ihre Begeisterung zu dämpfen, ihr Ängste weiterzugeben, die nicht ihre waren. Sie packte gerade ihren Koffer. Ich musste sie am Flughafen absetzen.
Ich hatte Angst vor dem Land, in das sie ging, weil man in den Fernsehnachrichten aus diesem Land oft Unruhen sah, Schlange
stehende Leute, Frauen, die ihre verschwundenen Kinder  beweinten, Väter, die ihre Sprösslinge nicht ernähren konnten. Ein Land, das leidet, erregt mehr Angst als Mitleid. So war es eben, und ich unterschied mich nicht von meinesgleichen. Ich hatte also Angst um sie.
Warum habe ich ihr nichts gesagt? Ich könnte es nicht erklären.
Ich war seit langem überzeugt, dass die Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen, selbst ihren Weg finden müssen, wir sie nicht in das Korsett unserer Erwachsenenängste einzwängen dürfen.
Ich betrachte sie. Ich stehe am Eingang ihres Zimmers. Ich betrachte dieses kleine Stück von mir, das groß geworden ist und nun aufbricht, um sein eigenes Leben zu leben. Ich weiß nicht, ob es zu schnell gegangen ist. Ich weiß nur, dass es etappenweise geschehen ist: Kindergarten, Grundschule, Unterstufe, erste Regel, Oberstufe, Liebeskummer, von dem sie mir nie erzählt hat, solchen, den ich geahnt habe, Abitur, die Studienzeit, die ersten Praktika, der erste richtige Freund, die Diplome und heute der große Aufbruch.

Es gibt so vieles, was ich ihr nicht gesagt habe, so viele Gespräche, die wir nicht geführt haben, weil ich keine Lust hatte, unsere schönen gemeinsamen Momente mit grauen, trüben Betrachtungen zu verderben, weil ich lieber zusammen mit ihr eine Fernsehserie mit einer guten Tasse Früchtetee – unserem Lieblingstee – angesehen habe oder auch, weil ich schlichtweg nicht genau wusste, wie ich mich ihr anvertrauen sollte.
Eigentlich bereue ich das heute auch nicht. Ihre Geschichte ist so sehr mit meiner verflochten, dass sie mich nicht hassen könnte, selbst wenn sie es wollte. In ebenjener Distanz, die zwischen einander Liebenden immer besteht, stehen wir uns nahe. Diese
Distanz ist heilsam, sie bewahrt uns vor dem oft unbewussten Willen, uns gegenseitig zu absorbieren, vor dem Glauben an die absolute Verschmelzung, die nur den Tod bringen kann.

Ihr Vater sitzt im Wohnzimmer. Er wird nicht kommen, um ihr wie ich beim Kofferpacken zuzusehen. Es kommt ihn zu hart an, dass die Liebe seines Lebens abreist. Er lässt mich die letzten Details regeln. Komisch, dass Männer es nicht schaffen, mit ihrem Schmerz umzugehen; wenn sie unglücklich sind, verlieren sie den Halt. Er ist sehr unglücklich. Ich habe es daran gesehen, wie er die Fernbedienung hält, wie er ein Bein auf dem Sofa ausstreckt, während der andere Fuß auf dem Boden steht. Er hatte nicht den Mut, sich das Spiel anzuschauen und uns jedes Mal, wenn wir vor ihm vorbeigehen, mit der Frage zu necken, ob wir froh seien, mit ihm zusammenzuleben. Dabei hat er weiß Gott schon schwierige Dinge gesehen … Er ist Arzt.
Mein Sohn ist gegangen, um in der Pförtnerloge ein Paket abzuholen. Ich weiß, dass es auch ihm zu schaffen macht. Seine Schwester geht, fast schon eine Hälfte von ihm. Sie streiten sich zwar dauernd, aber es besteht eine echte Bindung zwischen ihnen.
Heute endet unser Leben zu viert, unsere Vertrautheit zu viert
mit unseren Gewohnheiten, unseren Streitereien, unseren  sichtbaren und unsichtbaren Geheimnissen, unseren Erinnerungen an schwere und frohe Tage, unserem Wunsch, Schwierigkeiten gemeinsam zu meistern und zusammenzustehen.
Ich versuche es zu akzeptieren, denn ich wusste, dass dieser Tag kommen würde. Ich habe nicht den Kopf in den Sand gesteckt,
um ihn nicht zu sehen. Es wäre unsinnig zu glauben, unsere
Familienzelle würde immer bleiben, wie sie war. Wir wissen, dass
sie auseinanderbrechen muss, damit unsere Kinder sich ihrerseits
ihr Zuhause, ihre eigene Familie schaffen und wir die Großeltern
unserer Enkelkinder werden.

All das wissen wir, aber wie sehr leiden wir, wenn es wirklich so weit ist! Wie hart kann es einen doch ankommen zu sehen, dass eines der Jungen das Nest verlässt, und sicher zu wissen, dass es
nicht oder nicht mehr so wie früher zurückkehren wird. Es wird nicht mehr unser Baby sein. Es wird ein Erwachsener sein, und wir werden gezwungen sein, den Abstand mit ihm neu auszuhandeln, wenn wir nicht riskieren wollen, es vollständig zu verlieren.

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