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Gary Victor

Der Blutchor

»Eine Reise in unbekanntes Gebiet aber in bekannte Gefühle.« Gary Victor

Inhalt

Ein Schriftsteller leert seinen Kopf, weil er fürchtet, das Schicksal der Kokosnüsse zu erleiden. Das Leben eines hohen Beamten ändert sich schlagartig, als ihm ein Schwanz wächst. Ein im Traum geschlossenes Geschäft wird beängstigende Realität. Ein Drogensüchtiger versucht, dem “Programmierer” seines Lebens auf die Spur zu kommen …
Neun Erzählungen von Haitis populärstem Gegenwartsautor voll Phantasie und schwarzem Humor.

Autorenportrait

Gary Victor, geboren 1958 in Port-au-Prince, studierter Agronom, gehört zu den meistgelesenen Schriftstellern Haitis.  Außer Romanen, Erzählungen und Theaterstücken, für die er mit mehreren Preisen, darunter dem Prix du livre RFO und dem Prix littéraire des Caraïbes ausgezeichnet wurde, schreibt er auch Beiträge für Rundfunk und Fernsehen, die in Haiti regelmäßig für Aufregung sorgen. Sein schonungsloser Blick auf die Gesellschaft stellt ihn in die Tradition der Sozialromane des 19. Jahrhunderts und macht ihn zum subversivsten Gegenwartsautor Haitis. Im deutschsprachigen Raum wurde er durch die Kriminalromane um Inspektor Dieuswalwe Azémar bekannt. Sowohl Schweinezeiten als auch Soro und Suff und Sühne konnten sich auf der Krimibestenliste (ZEIT, später F.A.S. und DLF Kultur) und auf der Litprom-Bestenliste “Weltempfänger” platzieren.

Leseprobe

Die Hand (Auszug)

Der Hund war durch die Öffnung in der dichten Hecke verschwunden, die die Grenze zwischen den beiden Grundstücken markierte, denn die Mauer war mit der Zeit zerfallen. Eine rote Backsteinmauer, Überrest einer Plantage aus der Kolonialzeit.
»Pluto, Pluto!«, rief Syaniz, die Hände zu einem Schalltrichter geformt, »Pluto!«
Keine Spur von dem Hund. Syaniz spürte, wie er von einer unbestimmten Besorgnis erfüllt wurde. Er hing an diesem Hund, einem reinrassigen deutschen Schäferhund, mehr als an irgendetwas anderem. So hatte er denn auch eine seiner Geliebten durchgeprügelt, als diese sich erlaubt hatte, dem Tier einen Fußtritt zu geben. Einen Tritt in die Geschlechtsteile! Nachdem er Pluto gerächt hatte, war er genötigt gewesen, ihn schnellstens zum Tierarzt zu bringen, aus Angst, er könnte von dem Tritt irgendwelche Schäden davontragen. Glücklicherweise hatte der Tierarzt nichts Besorgniserregendes diagnostiziert.
»Pluto!«, rief er noch einmal, »Pluto, hierher!«
Der Hund kam noch immer nicht zurück. Syaniz erwog einen Augenblick, ob er selbst durch die Öffnung in der Hecke das Grundstück seines Nachbarn betreten sollte. Seit er das Anwesen erworben hatte, hatte er nie irgendjemand im Nachbarhaus gesehen, obwohl er sich regelmäßig in diesen abgelegenen Winkel begab. Öfter mit seinen Geliebten als mit seiner Frau, zu der die Beziehungen eher gespannt waren. Er hätte sich diese eifersüchtige und sauertöpfische Ehefrau, die ihre Reize eingebüßt hatte, vom Hals geschafft, wäre da nicht die Angst vor der kostspieligen Scheidungsprozedur. Der Wächter hatte ihm jedoch versichert, dass jemand das Haus nebenan gelegentlich aufsuchte. Ein gewisser Lomé, ein reicher Politiker im Ruhestand, der manchmal nachts zu seltsamen Zeremonien hierher kam. Genau so hatte sich der Wächter ausgedrückt: seltsame Zeremonien. Und dies war der Grund, warum Syaniz nicht durch die Hecke ging. Seine lange Erfahrung hatte ihn gelehrt, dass die Vorsicht in diesem Land eine Eigenschaft war, die es zu kultivieren galt.
»Pluto!«, rief er noch einmal tiefbetrübt.
Er wagte nicht, sich vorzustellen, dass seinem deutschen Schäferhund etwas zugestoßen sein könnte. Als er ihn wieder durch die Hecke schlüpfen und auf sich zukommen sah, konnte er einen Seufzer der Erleichterung nicht unterdrücken. Der Hund hielt etwas im Maul. »Hierher, Pluto, hierher. Was hast du da im Maul?« Der Hund wollte wohl spielen, er begann wegzulaufen, um ihn zu einer Verfolgungsjagd zu veranlassen. Syaniz musste all seine Autorität aufbieten, damit das Tier stehenblieb. Diese jungen Hunde waren eben sehr verspielt.
»Zeig her, was du da im Maul hast, Pluto!«
Syaniz stieß einen Schrei aus. Der Hund hatte eine Hand zwischen den Zähnen gehalten! Eine Frauenhand, deren einen Finger ein Diamantring zierte. Die Hand war am Gelenk mit einem besonders scharfen Instrument abgetrennt worden; das Fleisch wies an der Schnittfläche keine jener Unebenheiten auf, die eine solche Gewalteinwirkung normalerweise hinterlässt.

»Wir müssen die Polizei rufen«, sagte der verstört wirkende Wächter noch einmal.
Syaniz hielt mit Mühe den Hund zurück, der hartnäckig versuchte, sich seinen Fund wieder anzueignen. Wo und wie hatte Pluto bloß diese Hand finden können? Die Hand dürfte Teil eines Ganzen sein. Irgendwo musste die Leiche sein, zu der sie gehörte. Man musste kein Hellseher sein, um zu erraten, dass hier ein Mord vorlag. Dieser Gedanke ließ ihn vor Vergnügen erschauern. Er stellte sich seine Frau vor, von einer Befreiermachete in tausend Stücke gehauen, ihr Körper zerlegt und in eine Grube hinter dem Haus geworfen. Wer würde hier herumstöbern? Niemand. Er jedenfalls würde nicht den Fehler begehen, die Leiche so oberflächlich zu verscharren, dass ein Hund, der wie Pluto überall herumschnüffelte, eine Hand ausbuddeln konnte. Syaniz spürte, wie er von tiefer Bewunderung für seinen Nachbarn erfüllt wurde. Da der Hund weiter an der Leine zog, schüttelte er ihn brüsk.
»Gib Ruhe, Pluto. Beinahe hättest du ein perfektes Verbrechen verdorben.« Da der Wärter hartnäckig darauf drang, so schnell wie möglich die Polizei zu holen, gab Syaniz ihm zu verstehen, dass er besser den Mund halten sollte, wenn er Wert auf seinen Arbeitsplatz legte: »Diese Sache betrifft Sie nicht. Es ist weder Ihre Hand noch die Hand von Ihrer Frau. Holen Sie mir eine Plastiktüte.«
Syaniz sprach in einem Ton, aus dem deutlich wurde, dass er nicht zum Diskutieren aufgelegt war. Der Dienstbote gehorchte eilfertig. Als er mit der Tüte zurückkam, griff sich Syaniz, der Pluto an einen Baum gebunden hatte, zwei Holzstücke und übernahm es selbst, die Hand aufzuheben und in die Tüte zu stecken.

Diesmal kehrte Syaniz nicht in die Stadt zurück. Vom Wächter hatte er erfahren, dass Lomé gelegentlich montags gegen Mittag in Begleitung einer Frau kam. Syaniz, der in kurzer Zeit einen Plan ausgeheckt hatte, hatte beschlossen, bis zwei Uhr nachmittags hierzubleiben. Wenn Lomé nicht käme, würde er zu ihm gehen. Bei einem so bekannten Mann würde es ihm nicht schwerfallen, herauszufinden, wo er wohnte.

Er hatte bis zwei Uhr auf der Lauer gelegen. Entmutigt war er ins Haus zurückgekehrt, um sich für die Rückkehr in die Stadt umzuziehen. Kaum hatte er passendere Kleider angezogen, als der Wächter ihm mitteilte, dass Lomé soeben angekommen war. Syaniz ging eilig aus dem Haus und klopfte an die Tür seines Nachbarn. Ein grauer BMW stand in einem Schuppen, an dem Efeu üppig wucherte. Syaniz wartete gut zehn Minuten, bis die Tür aufging. Ein Mann in den Sechzigern erschien auf der Schwelle, das Hemd offen über der behaarten Brust. Er hatte die erboste Miene von jemandem, der gerade in einer besonders vergnüglichen Tätigkeit unterbrochen worden ist. Syaniz hatte den Eindruck, einen vertrauten, erregenden und auf unbestimmte Weise feindseligen Duft wahrzunehmen. Er hatte nicht die Zeit, diese Geruchsempfindung zu Ende zu analysieren, denn der Mann, der ohne jeden Zweifel Lomé war, bellte ihn buchstäblich an.
»Was wollen Sie? Wo gibt’s denn das, jemanden um diese Zeit zu stören? Ich komme hierher, um mich auszuruhen, nicht damit man mich belästigt.«
»Ich bin nicht gekommen, um Sie zu belästigen, Herr Lomé. Es handelt sich um meinen Hund. Er kann Ihnen großen Ärger bereiten.«
Der Mann sah ihn mit erstaunter Miene an. Seine Blicke wanderten einen Augenblick von Syaniz’ Gesicht zu der Tüte, die sein Besucher in der Hand trug. Dann erst schien er ihn zu erkennen.
»Ach Sie sind es, Syaniz, mein Nachbar! Das ist ja eine Überraschung, dass wir erst jetzt die Gelegenheit haben, uns zu unterhalten.«
»Darf ich reinkommen?«, beharrte Syaniz.
Lomés Zögern war kaum merklich. Er sagte mit lauterer Stimme, als wollte er von jemandem, der im Haus geblieben war, verstanden werden: »Kommen Sie nur herein, Herr Syaniz … Kommen Sie herein.« …

Pressestimmen

ila, Gert Eisenbürger

Einen ganz anderen Stil als Louis-Philippe Dalembert pflegt der 1958 geborene Gary Victor, von dem im litradukt-Verlag der Erzählungenband Der Blutchor erschienen ist. Wäre Victor kein Haitianer, sondern ein alter britischer Herr, würden die meisten seiner Erzählungen das Etikett »skurril« tragen. Etwa die von dem hohen Regierungsbeamten, dem urplötzlich ein Schwanz wächst. Oder die über den seiner Ehefrau überdrüssigen, wohlhabenden Bürger, dessen Schäferhund eines Nachmittags mit einer menschlichen Hand im Maul vom Nachbargrundstück kommt. Dann natürlich die über die Verwandlung eines US-amerikanischen Besatzungsoffiziers, der sich – für ihn fatalerweise – mit einem Voodoo-Priester angelegt hatte. Doch diese satirische Überzeichnung kennzeichnet nicht alle Texte des Buches. Die drei längsten Erzählungen sprechen eine ganz andere Sprache. […]

Victors Erzählungen sind beunruhigend. Das gilt sowohl für die eher lustig-skurrilen als auch erst recht für die, in denen der Schrecken von Anfang an spürbar ist. Sie zeigen seelische Abgründe hinter den Fassaden von Wohlanständigkeit und geordneten Verhältnissen. Anders als bei Dalembert, wo die Gewalt von außen in das Leben der Protagonist/innen tritt, ist sie bei Victor eine Konstante im menschlichen Zusammenleben.

Auszug aus: ila, Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika e. V., Ausgabe 321, Gert Eisenbürger, Dezember 2008 / Januar 2009

Rheinzeitung, Gerd Blase

Es ist nur der Anfang eines Satzes in einer seiner kleinen Geschichten, aber er könnte durchaus für das gesamte Werk von Gary Victor stehen: »Wenn der Irrsinn derart raffiniert wird, dann hat er beim Realen angeklopft …« In der Tat ist der zu Papier gebrachte Irrsinn eines der meistgelesenen Autoren Haitis von höchster künstlerischer Raffinesse – und er klopft laut an die Realitäten seiner Heimat. Das Bändchen Der Blutchor bietet mit seinen neun Erzählungen eine Kostprobe davon. […]

Franz Kafkas Einfluss auf die Groteske Corneille Soissons Schwanz ist nicht zu überlesen, doch Gary Victor macht mehr aus seiner »Verwandlung«. Gerade mal 13 Seiten genügen ihm, um beinahe schon einen kleinen Roman zu schreiben über Seilschaften, Korruption und Politik. […]

Kaum eines von Victors kleinen Prosastücken lässt sich als realistische Erzählung lesen. Der Autor schöpft aus der internationalen Märchenwelt, dem Voodoo, griechischer Mythologie und Rabelais Gargantua. Dennoch erzählt er immer von Haiti. Seine Werke sorgen immer wieder für Aufregung, er gilt als subversivster Autor des Landes. Jenseits davon aber lassen sich seine dichten und fein formulierten Fabeln und Parabeln um einen Pakt mit dem Teufel, einen geständigen Vatermörder und eine machetenschwingende Ehefrau auch als Meisterstücke der Weltliteratur lesen: Blutig sind sie, vom Wahnsinn beleckt und zugleich ungeheuer komisch – ein grausiges Vergnügen eben.

Auszug aus: Rheinzeitung, Literatur der Welt Teil 11, Gerd Blase, 7. Januar 2009

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