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Gary Victor

Der Blutchor

»Eine Reise in unbekanntes Gebiet aber in bekannte Gefühle.« Gary Victor

Inhalt

Ein Mann fürchtet, das Schicksal der Kokosnüsse zu erleiden. Das Leben eines hohen Beamten ändert sich schlagartig, als ihm ein Schwanz wächst. Ein im Traum geschlossenes Geschäft wird beängstigende Realität. Ein Drogensüchtiger versucht, dem Programmierer auf die Spur zu kommen, der sein Leben bestimmt …
Neunmal schwarzer Humor von Haitis populärstem Gegenwartsautor.

Autorenportrait

Gary Victor, geboren 1958 in Port-au-Prince, Haiti, ursprünglich Agronom, gehört zu den meistgelesenen Schriftstellern seines Landes. Viele seiner Gestalten sind zu feststehenden Typen geworden. Außer Romanen, Erzählungen und Theaterstücken, für die er mit mehreren Preisen, darunter dem Prix du livre RFO und dem Prix littéraire des Caraïbes ausgezeichnet wurde, schreibt er auch Beiträge für Rundfunk und Fernsehen, die in Haiti regelmäßig für Aufregung sorgen. Sein schonungsloser Blick auf die Gesellschaft stellt ihn in die Tradition der Sozialromane des 19. Jahrhunderts und macht ihn zum subversivsten Gegenwartsautor Haitis.

Leseprobe

Kaum war ich aus dem Bus ausgestiegen, als mich das Individuum schon anrempelte und mir meinen Koffer buchstäblich aus den Händen riss. Ich handelte in Sekundenschnelle. Ein überlebenswichtiger Reflex. In diesem Koffer befand sich das Manuskript, an dem ich seit über fünf Jahren arbeitete. Ich besaß nirgendwo eine Kopie, da ich mich niemals hatte entschließen können, so wie meine Ingenieurskollegen mit dem Computer zu arbeiten.

Ich nahm die Verfolgung auf und stieß dabei zwei alte Frauen, die sich mit einer Art weißbärtigem, eine Bibel mit zerfleddertem Einband schwenkenden Propheten unterhielten, ebenso unsanft wie unbekümmert zur Seite. Ich holte den Dieb vor dem Stand eines Hotdogverkäufers ein, der eifrig eine Schlange von Arbeitern bediente, welche die mittägliche Atempause zu einem Imbiss nutzten. Ich nahm tapfer den Kampf mit dem Dieb auf und versuchte meinerseits, ihm den Koffer zu entreißen.

Ich schrie: »Haltet den Dieb! Haltet den Dieb!«, aber er verteidigte sich so energisch, dass man fast den Eindruck hatte, sein Leben hinge von diesem Koffer ab. Ich hatte das Gefühl, keinen gewöhnlichen Dieb vor mir zu haben. Vielleicht hatte irgendeine Firma Wind von dem neuen Verfahren zur Produktion leichterer und widerstandsfähigerer Legierungen bekommen, das ich ersonnen hatte, und er war einfach ein Spion in ihren Dienst en. Da ich mich an ihm festklammerte und nunmehr drauf und dran war, ihn zu Boden zu werfen, löst e sich ein Polizist aus der Menge, die sich um uns herum zusammengeballt hatte, und zwang uns, unsere Auseinandersetzung zu beenden.

»Er hat mir meinen Koffer gestohlen«, sagte ich zum Polizisten, ohne deswegen den Dieb loszulassen.

»Das stimmt nicht«, gab der Mann zurück, »dieser Koffer gehört mir. Er ist der Dieb.«

Mir blieb die Luft weg vor Staunen über die Dreistigkeit des Gauners. Zum ersten Mal sah ich ihn aufmerksam an. Er war ein noch junger Mann in einem billigen grauen Anzug. Ein Gesicht ohne besondere Kennzeichen.

»Der Kerl ist ganz schön unverfroren, Herr Wachtmeister!«, rief ich aus. »Wenn ihm dieser Koffer gehört, dann soll er Ihnen doch sagen, was drin ist.«

»Und warum sagen Sie dem Herrn Wachtmeister nicht, was in dem Koffer ist , der angeblich Ihnen gehört? Die Beweislast liegt beim Ankläger, mein Herr. Wir sind hier in Amerika.«

Ich war verblüfft über den verächtlichen Ton, in dem er »mein Herr« sagte. Die Dreistigkeit der Kriminellen in unserer Gesellschaft kannte keine Grenzen mehr. Das kam von der Laxheit der Politiker und vor allem der Medien.

»Ich bin sicher, dass ich besser sagen kann als Sie, was in diesem Koffer ist «, antwortete ich, indem ich der Verachtung, die der Mann zur Schau trug, die Gewissheit entgegensetzte, im Recht zu sein.

Der Polizist befahl dem Dieb, ihm den Koffer zu geben. Ich bereute, dass ich kein Sicherheitssystem benutzte: Dem Dieb wäre es dann schwerer gefallen, sich gegenüber dem Vertreter des Gesetzes zu verteidigen, denn er hätte beweisen müssen, dass er den Code besaß. Aber dem beharrlichen Drängen meiner Frau zum Trotz weigerte ich mich hartnäckig, in das Zeitalter der Elektronik einzutreten. Der Polizist deutete mit dem Finger auf mich.

»Schreiben Sie den Inhalt des Koffers auf ein Blatt Papier!«, befahl er mir.

Ich nahm meinen Kugelschreiber, riss schnell ein Blatt aus meinem Terminkalender und begann zu schreiben; der Koffer, den der Polizist mir hinhielt, diente mir dabei als Unterlage. Zu meiner großen Genugtuung ließ er den Dieb, der mit spöttischer Miene zusah, nicht aus den Augen. Ich verstand nicht, warum er nicht weglief.

»Ein hundertvierzigseitiges Manuskript über ein neues Verfahren zur Herstellung einer leichteren Legierung mit höherer Druckfestigkeit, ein Buch von Tocqueville, Die Demokratie in Nordamerika, ein Lexikon, ein Stadtplan von New York, eine Packung Tylenol, Schlüssel, ein Satz Bleistifte, ein Winkelmaß, ein Lineal, Präservative, eine Schachtel Zigaretten.«

Ich überlegte einige Sekunden. Ich reichte das Papier dem Polizisten, der uns beide zu einer Bank in einem kleinen Park führte.

»Öffnen Sie den Koffer!«, befahl er dem Dieb.

»Ich?«, wunderte sich der Gauner.

»Ja, Sie«, frohlockte ich.

Er warf mir einen Blick zu, als wollte er mich erschlagen, dann öffnete er den Koffer mit behutsamen Bewegungen. Der Blick des Polizisten wanderte von dem Blatt Papier zum Innenleben des Koffers.

»Da ist nichts von dem, was Sie aufgeschrieben haben«, sagte er mit drohender Miene zu mir.

»Wie das!«, rief ich aus und ging näher heran.

»Ich hatte es Ihnen ja gesagt, Herr Wachtmeister«, kläffte der Gauner, »er ist entweder ein Dieb oder ein Verrückter.«

Was ich in dem Koffer sah, erfüllte mich mit Entsetzen. Ein Frauenkopf! Oder zumindest die Überreste von einem Frauenkopf.
Der Kopf, am Halsansatz abgeschnitten, war mit einer Art Presslufthammer irgendwie zerquetscht, plattgedrückt worden. Er war in den Koffer gelegt worden, bevor er ganz ausgeblutet war, so dass das ursprünglich graue Innenfutter nun eine scharlachrote, dem Mauve schon recht nahe kommende Färbung aufwies.

»Was haben Sie zu sagen?«, fragte mich der Polizist, während er mir die Handschellen anlegte.

»Ich schwöre Ihnen, dass in dem Koff er das war, was auf dem Papier steht, das ich Ihnen gegeben habe«, beteuerte ich.

»Glauben Sie, ich hätte Anspruch auf diesen Koffer erhoben, wenn das da drin gewesen wäre? Dieser Koffer gehört mir nicht.«

»Sie geben zu, dass er Ihnen nicht gehört?«, brüllte der Polizist. »Pech für Sie, denn Kleinkriminalität gibt es in dieser Stadt nicht mehr. Sie sind reif für ein paar Monate Knast. Sie haben bestimmt gedacht, dass in dem Koffer etwas Wertvolles ist. Jetzt sitzen Sie schön in der Falle!«

Er schloss den Koffer und reichte ihn dem Gauner.

»Und passen Sie auf. Es ist nicht immer ein Polizist in der Nähe.«

Ich konnte einen verblüfften Ausruf nicht unterdrücken, als ich den Dieb weggehen sah.

»Aber das ist doch ein Mörder. Sie können ihn doch nicht einfach so gehen lassen!«

Der Polizist stieß mich brutal vorwärts, ohne sich um die Handschellen zu kümmern, mit denen ich an ihm festgekettet war:

»Vorwärts. Das ist erbärmlich, wie Sie sich hier zu verteidigen versuchen. Ihr Pech, dass beschlossen wurde, mit äußerster Härte gegen Kleinkriminelle vorzugehen.«

Und nachdem er sich mit der Zunge über die Lippen gefahren war, wiederholte er in einer plötzlichen freudigen Regung: »Ihr Pech.«

Pressestimmen

ila, Gert Eisenbürger

Einen ganz anderen Stil als Louis-Philippe Dalembert pflegt der 1958 geborene Gary Victor, von dem im litradukt-Verlag der Erzählungenband Der Blutchor erschienen ist. Wäre Victor kein Haitianer, sondern ein alter britischer Herr, würden die meisten seiner Erzählungen das Etikett »skurril« tragen. Etwa die von dem hohen Regierungsbeamten, dem urplötzlich ein Schwanz wächst. Oder die über den seiner Ehefrau überdrüssigen, wohlhabenden Bürger, dessen Schäferhund eines Nachmittags mit einer menschlichen Hand im Maul vom Nachbargrundstück kommt. Dann natürlich die über die Verwandlung eines US-amerikanischen Besatzungsoffiziers, der sich – für ihn fatalerweise – mit einem Voodoo-Priester angelegt hatte. Doch diese satirische Überzeichnung kennzeichnet nicht alle Texte des Buches. Die drei längsten Erzählungen sprechen eine ganz andere Sprache. […]

Victors Erzählungen sind beunruhigend. Das gilt sowohl für die eher lustig-skurrilen als auch erst recht für die, in denen der Schrecken von Anfang an spürbar ist. Sie zeigen seelische Abgründe hinter den Fassaden von Wohlanständigkeit und geordneten Verhältnissen. Anders als bei Dalembert, wo die Gewalt von außen in das Leben der Protagonist/innen tritt, ist sie bei Victor eine Konstante im menschlichen Zusammenleben.

Auszug aus: ila, Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika e. V., Ausgabe 321, Gert Eisenbürger, Dezember 2008 / Januar 2009

Rheinzeitung, Gerd Blase

Es ist nur der Anfang eines Satzes in einer seiner kleinen Geschichten, aber er könnte durchaus für das gesamte Werk von Gary Victor stehen: »Wenn der Irrsinn derart raffiniert wird, dann hat er beim Realen angeklopft …« In der Tat ist der zu Papier gebrachte Irrsinn eines der meistgelesenen Autoren Haitis von höchster künstlerischer Raffinesse – und er klopft laut an die Realitäten seiner Heimat. Das Bändchen Der Blutchor bietet mit seinen neun Erzählungen eine Kostprobe davon. […]

Franz Kafkas Einfluss auf die Groteske Corneille Soissons Schwanz ist nicht zu überlesen, doch Gary Victor macht mehr aus seiner »Verwandlung«. Gerade mal 13 Seiten genügen ihm, um beinahe schon einen kleinen Roman zu schreiben über Seilschaften, Korruption und Politik. […]

Kaum eines von Victors kleinen Prosastücken lässt sich als realistische Erzählung lesen. Der Autor schöpft aus der internationalen Märchenwelt, dem Voodoo, griechischer Mythologie und Rabelais Gargantua. Dennoch erzählt er immer von Haiti. Seine Werke sorgen immer wieder für Aufregung, er gilt als subversivster Autor des Landes. Jenseits davon aber lassen sich seine dichten und fein formulierten Fabeln und Parabeln um einen Pakt mit dem Teufel, einen geständigen Vatermörder und eine machetenschwingende Ehefrau auch als Meisterstücke der Weltliteratur lesen: Blutig sind sie, vom Wahnsinn beleckt und zugleich ungeheuer komisch – ein grausiges Vergnügen eben.

Auszug aus: Rheinzeitung, Literatur der Welt Teil 11, Gerd Blase, 7. Januar 2009

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