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Abdourahman A. Waberi

Schädelernte

»Schädelernte ist letztlich eine Reflexion über das Böse, vor allem aber über die Unfähigkeit der Sprache, das Böse wiederzugeben. Verglichen mit anderen fiktionalen Werken über Ruanda zeugt es, indem es in Burundi endet, von einer Offenheit, die den Leser auffordert, die Augen offen zu halten.« Boniface Mongo-Mboussa, www.africultures.com

Inhalt

Von April bis Juli 1994 findet in Ruanda ein Massaker statt, das später von der UNO als Völkermord anerkannt wird. 1998 reist der dschibutische Autor Abdourahman A. Waberi im Rahmen des Projektes »Rwanda: érire par devoir de mémoire« (»Ruanda: Schreiben aus Pflicht zur Erinnerung«) nach Kigali. Schädelernte ist ein Werk zwischen Fiktion und Reportage, in seiner Unklassifizierbarkeit Abbild, der Schwierigkeit, das Ereignis in Kategorien wie »ethnischer Konflikt« einzuordnen und sich ihm erzählend zu nähern.

Autorenportrait

Abdourahman A. Waberi, geboren 1965 in Dschibuti, lebt seit 1985 in Caen, Frankreich als Englischlehrer, Literatur­kritiker und Autor. Im frankophonen Raum bereits durch seine preisgekrönte Dschibuti-Trilogie aus Le pays sans ombreCahier nomade und Balbala sowie den Roman Transit bekannt geworden, machte er in Deutschland durch den satirischen Roman In den Vereinigten Staaten von Afrika (Nautilus-Editionen) auf sich aufmerksam. 2006/2007 hielt er sich im Rahmen des Künstlerprogramms des DAAD in Berlin auf. Schädelernte stellt einen der heraus­ragendsten Beiträge zum Versuch, sich dem Genozid in Ruanda schreibend zu nähern, dar.

Leseprobe

Ein kleines, zerklüftetes Land aus Hügeln, Tälern und Seen, heute verwandelt in ein Land der Mühsal und der Knochenhaufen. In dem bis dahin kaum giftigen Land, das isoliert in seiner Bergfestung lag, beschleunigt sich ab 1959 oder jedenfalls bald darauf alles. Das Unglück tanzt und hüpft am Arm der Geschichte. Über die in ihre dichte Finsternis gekleideten Hügel brechen die Rindermilizen herein, die sich zwischen Stängelgewirr, wucherndem Geäst und verschlungenen Lianen ihren Weg bahnen. Eine Schädelernte bereitet sich vor, ein Theater, das einem Augen und Kopf verdirbt, wenn man noch einen hat, ob nun etwas drin ist oder nicht. König Gerücht mobilisiert alle, stürzt uns in den Schlamm, wo es am heftigsten gärt. Wer nichts sagt, stimmt voll zu. Eine Kathedrale aus Blut und Asche zeichnet sich ab, eine Kathedrale, die der tausend Kirchengemeinden des kleinen Landes oder der Kathedrale unserer Freunde im Vatikan würdig wäre. Eine magnetisierte Kathedrale, die die Flüchtigen und die Verräter anzieht wie die Kirche der Heiligen Familie, meisterlich geleitet von dem guten Pater Wenceslas Munyeshyaka. Einstweilen ist die Oberfläche glatt, Windstille, die UNO pfeift drauf, Kofi Annan zuckt angesichts der Kriegstreiber mit den Schultern. Bah, wir haben weder auf den Messias noch auf den Wunder-heiler gewartet! Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen. Dennoch …

Ladungen von funkelnagelneuen Macheten, billig in China gekauft, kommen jeden Tag am Flughafen von Kanombé an. Wir werden sie abladen und dabei den Kakerlaken einen heißen Tanz versprechen, wie man ihn in Afrika noch nicht gesehen hat. Auf ex, wir stürzen das Mutzig-Bier und den kubanischen Rum hinunter. Mit angespannten Muskeln wischen wir uns das Gesicht ab und lauschen den stimulierenden, ausschließlich für das empfängliche Herz des Ackerbauernvolkes bestimmten Worten von Simon Bikindi, bevor wir die Kisten in die Lastwagen verladen, welche kreuz und quer über die sieben Hügel der Hauptstadt und in alle Bezirkshauptstädte fahren werden. Unter dem Banner der Chefs, deren Stirn stets in zornigen Falten liegt, kauen wir ungeduldig an den Nägeln, während wir darauf warten, über die zweiköpfigen Schlangen herzufallen, diese Leprakranken, die aus dem Leben verbannt gehören. Alle Männer und Frauen mit schmächtigen Hälsen, Föten inbegriffen, werden unermüdlich gesucht. Sie sind geliefert. Drücken wir uns konkret aus, wir brauchen hier keine Samthandschuhe, das Spiel ist aus für sie. Im Land der Bibel werden sie um die Ecke gebracht wie Lämmer, dieses Pack, das schlimmer ist als Exkremente. Auch wenn sie schon zerquetscht oder gevierteilt sind, können wir noch nicht glauben, dass sie tot sind, also kommen wir zurück und geben ihnen mit irgendetwas den Rest: Machete, Haumesser, Knüppel, Keule, Kalaschnikow, Sichel, Beil, Stein, dicker Stock, Baumstamm, Eisenstange, Bajonett, Rute, Pfahl, Kugel, Gewehrkolben, brennender Reifen, Ziegelstein. Wir machen uns singend auf den Rückweg. Sie können nicht einmal auf dem Nyabarongofluss nach Äthiopien zurück, wir lassen ihnen nicht die Zeit dazu. Das Gesindel wird vollständig ausgerottet. Man wird nie wieder gestern, früher, morgen sagen. Nie wieder wird man, ausgehend von einem naiven oder arroganten »Es war einmal« eine Geschichte spinnen. Nie wieder wird man sagen: Berühr mich da, an der Stelle des Kopfes, der Stelle der Brust, der Stelle des Bauches. Aber wo ist mein Kopf? Wo ist mein Körper? Warum ist es überall um mich herum so leer? Der einzige visuelle Kontakt ist ein tiefer Himmel, der keinem anderen gleicht. Nichts wird mehr die Karte der Geschmäcker, die Karte der Schmerzen und die der Gewissensbisse trennen. Die Vollendung der Arbeit verfolgt uns, falls wir jemals die Augen schließen. Wir hatten uns mit dem Feuer aus den Tiefen verbündet. Um uns herum ist es überall dunkel und kalt. Überall in der Stadt waren Stützpunkte eingerichtet, wir hatten Angst vor dem Feuer der bewaffneten Kakerlaken. Es gab ein Komplott gegen unser Volk, das Pulverfass war bereit, es fehlte nur noch die Lunte zum Anzünden. Wir mussten einen Gegenangriff starten, schneller laufen als der Blitz, eine rückwärtige Basis für die Frauen, Kinder und Gebrechlichen einrichten. Das war das Tribunal der Heiligen Inquisition. Ich habe den Namen und den Standort der letzten Sperre und die Zahl der Eingesickerten vergessen. Ich habe nur drei Welpen getötet, nicht der Rede wert, das ist alles. Nein, jetzt weiß ich’s wieder, das war vor dem Christuszentrum in Remera. Wir haben im Radio den heißen Patriotismus in den Stimmen von Kantano Habimana und Valérie Bemeriki gehört. Oh Bene Sebahinzi, Vater der Ackerbauern, komm mir zu Hilfe. Nein, keine Reue, keine Tränen. So was wollen wir bei uns nicht. Es ist ganz einfach. Es war die Sintflut, ein Wind des Irrsinns, den der Teufel geschickt hat, um uns auf den krummen Weg zu bringen. Mir geht es nicht gut, ich schäme mich, Ihnen das zu sagen, das ist verständlich. Meine Gedärme sind nicht in Ordnung, mir kommt der Eiter hoch bis in den Mund. Ich bin ein verfaulender Erdbrocken. Ich werde enden wie mein Bruder Jean-Bosco oder wie der andere, Paterne, der nichts mehr sieht.

Pressestimmen

St. Galler Tagblatt

Interessiert es noch, warum in Ruanda im Frühling 1994 in 100 Tagen über 800000 Menschen massakriert worden sind? Der aus Djibuti stammende Autor Abdourahman A. Waberi beantwortet die Frage in seinem schmalen Band Schädelernte nicht. Er zwingt seinem Publikum nur weitere Fragen auf. Und dann gibt er Antworten auf Fragen, die niemand stellen wollte. Das Buch stört verstörend. Unklassifizierbar zwischen Fiktion und Reportage oszillierend, zeigt es ein Abbild, das nichts erklärt – nur klarmacht, dass das Unerklärliche erschreckend verständlich ist: Unmenschlich menschlich. […] Und dann krampft sich im Kopf und im Herzen die Erkenntnis Bahn, dass die Toten aus dem Genozid in Ruanda »für immer in den Blutbahnen der Erde kreisen […] und sich manchmal an den Mauern unserer Ohren und Augen den Kopf einrennen.« Fern, ganz nah.

Auszug aus: St. Galler Tagblatt, 24. November 2008

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