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Gary Victor

Suff und Sühne

Es ist ein Horrortrip, auf dem Inspektor Dieuswalwe Azémar dahinschwankt, sich hochrappelt, weiterstolpert nach Wahrheit, Ehrlichkeit, Unbestechlichkeit in ihm: "Er fand sich in einer Hölle wieder, die er frenetisch wie ein Gestörter von ihrem Schlamm und ihrem Dreck zu reinigen versuchte." Dieses Vorhaben hat im von Erdbeben und Elend ramponierten und von Hyperkorruption verseuchten Haiti etwas Aussichtsloses. Das erzählt Gary Victor, 1958 in Port-au-Prince geboren, auch im dritten seiner Krimis um den Alkoholiker-Inspektor Azémar, atemlos und so nah am Helden, dass man (auch in der Übersetzung von Peter Trier) den Alkohol zu riechen, Keuchen und Schreien zu hören meint. Harald Eggebrecht, Süddeutsche Zeitung vom 3.4.2017
"Suff und Sühne" heißt der dritte Teil um den letzten Aufrechten Haitis, Inspektor Azémar , der zur Täuschung eine gebückte Haltung einnimmt. Mit ihm hat der haitianische Autor Gary Victor eine der beeindruckendsten Figuren der neueren Kriminalliteratur geschaffen. Zwischen Nüchternheit und Delirien, Realität und Wahn verhandelt Victor nicht die Tücken des Bewusstseins, sondern auch moralische Fragen um die Selbstjustiz in einem degenerierten Land. Selbst die UN-Mission sammelt Dreck am Stecken, während ein moralisch integrer brasilianischer General beseitigt wird. Azémar steckt mittendrin, bald schwebt seine Tochter in Gefahr. "Suff und Sühne" bezieht sich auf "Schuld und Sühne", Dostojewskis Klassiker ist auch Teil dieser Abhandlung, die über Leichen gehen muss. Schlicht: Weltliteratur. Joachim Schneider, Badische Zeitung vom 8.4.2017
Der Autor erschafft diese Geschichte fieberhaft auf kleinstem Raum. 160 Seiten benötigt er nur für diesen Höllentrip. Nach dem Exzess ist der Kater vorprogrammiert. Gelungen auch der weitgehende Verzicht auf Dialoge. Nicht als Maßstab, sondern weil es funktioniert. Das Erzählmuster ist zwar bekannt, aber egal, weil Victor einfach sauber übersetzt ist und auch saugut schreibt. Katja Bohnet, culturmag.de
Realität, lautet einer der allseits abgenudelten Lieblingssprüche eines meiner Lieblingskollegen, ist eine Illusion, die durch Abwesenheit von Alkohol entsteht. Schon klar, wohin der Satz führen muss, wenn die Realität, die sich in einem trockengelegten Hirn also zusammenballt, sich als grauenhaft herausstellt. In den Suff natürlich. Womit wir bei Dieuswalwe Azémar wären, von dem wir ebenso wenig genug bekommen können wie Realisten vom Schnaps, seit Peter Trier und sein herrlicher Kaummehralseinmannverlag Litradukt sich des Gesamtwerks von Gary Victor angenommen hat. Einem Schriftsteller, der eigentlich weltberühmt sein müsste, so konzentrierte Welterzählungen haut er regelmäßig hin. Leider (für die hehre Literaturkritik) oder Gott sei Dank (für jeden von literarischem Mord & Totschlag Abhängigen) schreibt er Kriminalromane, finstere Noirs, geradezu irrwitzige Rauschreisen, beutet dabei das Genre (und die Weltliteratur) in ungefähr dem selben Maß aus, wie es die Welt immer noch mit seiner Heimatinsel tut. Elmar Krekeler, Die Welt
Victor betreibt die extreme Zuspitzung einer Realität, die uns nur deshalb befremden mag, weil sie so weit entfernt scheint. Und er testet zugleich, wie weit eine politisch motivierte Kriminalliteratur in dieser Hinsicht gehen kann, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Das bietet Stoff für kontroverse Diskussionen! In jedem Fall aber hat der kleine Litradukt-Verlag in Trier, der sich seit Jahren auf Literatur aus Haiti konzentriert, Dank – und hoffentlich ein wenig kommerziellen Erfolg – für seine engagierte Vermittlungsarbeit verdient. Jochen Vogt, WAZ
In den finster-faszinierenden Bildern der Karibik-Insel, die Victor malt, zeigt sich ein moralisch verwüstetes, ideologisch verwirrtes und wirtschaftlich ausgebranntes Land, in dem Gewalt die einzige Sprache zu sein scheint. Peter Henning, Schweiz am Wochenende
Victor verwirbelt die Realitätseben bis zum Surrealismus, bleibt dabei aber stets angriffslustig, satirisch, sarkastisch und vor allem ungeheuer komisch. Auf bizarre Zustände reagiert er mit einem bizarren Szenario, dass deswegen die Realitäten umso genauer trifft. Das hat weltliterarisches Niveau und dass Gary Victor immer wieder Chester Himes als Einfluss nennt, ist keineswegs zufällig. Thomas Wörtche, Leichberg 4/2017
Gary Victor kennt den Karibikstaat wie seine Westentasche, er ist Chefredakteur einer der wenigen unabhängigen Tageszeitungen und ein beliebter Radiokolumnist. Seine stärkste Waffe im Kriminalroman ist seine Sprache: deftig, rasend schnell, kompakt und so irre wie die Verhältnisse. Denkt man. Als Gary Victor kürzlich gefragt wurde, ob die Lage in Haiti wirklich so schlimm sei wie in seinen Büchern, antwortete er: "Schlimmer". Tobias Gohlis, DLF Kultur

Inhalt

Inspektor Dieuswalwe Azémar hat keine Wahl: Will er nicht aus dem Polizeidienst entlassen werden, muss er sich der Entziehungskur unterziehen, die sein neuer Vorgesetzter ihm verordnet hat. Der Entzug wird zu einem Gang durch die Hölle. Ausgerechnet in diesem geschwächten Zustand wird Azémar in ein Komplott hineingezogen, das sein Leben und das seiner Tochter bedroht. Die Spur führt zur MINUSTAH, der UN-Mission in Haiti. Was steckt hinter dem angeblichen Selbstmord eines Generals? Warum wurde der Sohne einer mächtigen Unternehmerfamilie entführt? Was hat der Bandenchef mit dem seltsamen Namen Raskolnikow damit zu tun? Die Ermittlungen werden für Dieuswalwe Azémar zu einem Wettlauf mit der Zeit und einer schmerzhaften Reise in die eigene Vergangenheit. Als er begreift, wie alles zusammenhängt, ist er ein weiteres Mal auf seine Beretta und seine Reflexe angewiesen …

Autorenportrait

Gary Victor, geboren 1958 in Port-au-Prince, studierter Agronom, gehört zu den populärsten haitianischen Gegenwartsautoren. Außer Romanen, Erzählungen und Theaterstücken schreibt er auch Beiträge für Rundfunk und Fernsehen, die in Haiti regelmäßig für Aufregung sorgen. Einige seiner Gestalten sind zu feststehenden Typen geworden. Im deutschsprachigen Raum wurde er durch die Krimis Schweinezeiten und Soro bekannt, die sich beide auf der Krimibestenliste der ZEIT sowie auf der Litprom-Bestenliste Weltempfänger platzieren konnten.  Seine drastischen Schilderungen gesellschaftlicher Missstände stellen ihn in die Tradition der Sozialromane des 19. Jahrhunderts und machen ihn zum subversivsten Gegenwartsschriftsteller Haitis. Er wurde mit mehreren Preisen, darunter dem Prix RFO ausgezeichnet.

Leseprobe

Die riesige, schwarze Tarantel kam langsam von der Decke herunter. Die Zeit hatte sich ins Unendliche verlängert. Das Netz der Spinne schwang in den vier Ecken des Zimmers wie die Saite einer verstimmten Geige. Irrer Hass leuchtete aus ihren sämtlichen Augen. Er, Inspektor Azémar, lag bewegungsunfähig auf einem Bett. Nackt. Schon wieder auf einem Bett! Schon wieder nackt! Er erinnerte sich an das Motel, in dem er abgestiegen war, als das Erdbeben einen Teil der Stadt zerstört hatte. Er hatte mit einer Frau geschlafen, und die Decke des Zimmers war eingestürzt. Seine jetzige Lage war schlimmer: Es lag kein Frauenkörper als Schutz auf ihm. Verschreckt behielt er die Klauen im Auge, an denen Gifttropfen glitzerten. Er biss die Zähne zusammen, um der Kälte in seinen Gelenken zu widerstehen, und langte dorthin, wo sein Revolver hätte liegen müssen. Der Smith & Wesson war jedoch von der Generalinspektion eingezogen worden. Er würde seine Waffe nach der Entziehungskur zurückerhalten, wenn der verantwortliche Arzt eine positive Stellungnahme abgab. Hatte er sich bei Madame Baptiste, seiner soro-Lieferantin und vertrauten Freundin, seine andere Waffe, die Beretta wiedergeholt? Er erinnerte sich nicht. Es war ihm unmöglich, den Kopf nach rechts oder links zu drehen, um sich zu vergewissern. Sein Körper wog eine Tonne. Nur der rechte Arm war noch ein bisschen beweglich.

Die Tarantel war nun ganz nah. Der Inspektor versammelte seine Kräfte, um seine Hand zu bewegen. Er tastete vergeblich nach der Waffe. Die scharfen, behaarten Klauen der Spinne drohten einige Zentimeter von seiner Brust entfernt. Sie holte aus, um ihn den Oberkörper zu durchbohren. Ein Schluchzen krampfte Dieuswalwe Azémars Körper zusammen. Seine Lippen schmeckten seinen salzigen Schweiß. Die Spinne schlug mit ihren Klauen nach ihm. Sein Lager kippte ins Leere. Die Dolche der Spinne ließen Funken hinter sich, während sie durch die Luft fuhren. Der Inspektor war auf seinem Bett vorerst außer Reichweite, er pendelte über einem Abgrund, aus dem, wie er seltsamerweise sehen konnte, glühende Feuer leuchteten. Sein Peiniger kicherte: “Wenn du glaubst, dass du davonkommen kannst, Mann, dann täuschst du dich.” Der Kopf der Spinne hatte sich verwandelt: Über ihm schwebte das heitere Gesicht Marasas, des Magiers, den er eines Morgens in einer Hütte im hintersten Winkel des Ortes namens “Die Stinkenden Quellen” erschossen hatte. Die halbmenschliche Spinne änderte ihre Taktik. In den Händen, die sie zwischen den Spinnenbeinen hatte, hielt sie einen Stock, der sorgfältig zu einer Schlange geschnitzt war, und versuchte damit, den Inspektor in den Abgrund zu schieben. Bei jedem Stoß mit dem Stock wurde er näher an den Rand gedrückt. Er tastete nach der Pistole, die so viele Delinquenten ins Land ohne Hut befördert hatte, verurteilt nur von ihm, Dieuswalwe Azémar, selbsternannter oberster Richter in einem Land, in dem zu viele korrupte Richter in Diensten schurkischer Mächten standen, die jedes Gewissen kaufen konnten. “Du verschwendest deine Zeit”, jubelte sein Mörder. Nur noch ein Stoß mit dem Stock, und der Abgrund würde ihn verschlingen. Wie konnte sich das Bett so schwerelos über der Schlucht halten? Man hatte ihn gewarnt. Diese brutale Kur konnte zu schweren Sinnesstörungen führen. “Das Leben in diesem Land ist eine Halluzination im Endstadium”, sagte er sich. “Dennoch muss man bis zum letzten Atemzug kämpfen und sich nicht damit aufhalten, die Wirklichkeit zu hinterfragen.” Die Tarantel wurde von unbändiger Freude erfasst. Sie drückte mit dem Stock ein letztes Mal gegen den Körper des Inspektors, der verzweifelten Widerstand leistete und sich an sein Bett klammerte, während seine Hand immer noch nach der Pistole tastete. Entnervt von seinem Widerstand versuchte die Spinne, das Bett anzuheben, um ihr Opfer in den Abgrund rutschen zu lassen. Im letzten Augenblick fand er die Waffe. Die Teillähmung seines Arms verschwand. Er feuerte. Marasas Gesicht zerbrach wie eine Maske aus Gips. Der Inspektor schoss das Magazin leer, das Dauerfeuer hörte sich an wie Donnergrollen. Die Szenerie wechselte. Er schwebte über nackten Bergen, ein Papierdrachen, der dem Atem einer Gespensterarmee ausgeliefert war. Es waren Flibustier, sie standen in Reihen auf den Decks mehrerer Schiffe, die in Kiellinie parallel zur Küste führen. Er verlor an Höhe, stürzte auf eine klaffende Krateröffnung zu. Eine monströse Vagina erfasste ihn mit ihren feuchten Lippen. Jemand rüttelte ihn kräftig: “Herr Inspektor … Herr Inspektor … Wachen Sie auf.” Er versuchte zurückzukehren, aus seinem Gefängnis hinauszufliegen, über den Stacheldraht zu springen. Wohlwollende Hände schüttelten ihn: “Herr Inspektor … Es ist Zeit für ihre Medikamente.”

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